Langzeitfolgen von ADHS
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Die Aufmerksamkeits­defizit-/Hyperaktivitäts­störung ADHS ist keine Modeerkrankung – sie wird heute jedoch häufiger diagnostiziert als noch vor Jahren. Von dieser Erkrankung sind nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene betroffen.

Was ist ADHS?

ADHS ist eine Neurotransmitterstörung des Dopaminrezeptors und zu einem hohen Prozentsatz genetisch bedingt.

Die Erkrankung kommt überall auf der Welt gleich häufig vor und betrifft fünf bis sieben Prozent der Kinder und Jugendlichen. In der Regel manifestiert sie sich bereits vor dem sechsten Lebensjahr. Die Diagnose wird jedoch meist erst während der Schulzeit gestellt, wenn von Kindern erwartet wird, dass sie stillsitzen, sich konzentrieren und in eine Gruppe einfügen können.

Heute profitieren immer mehr ADHS-Kranke von einer Behandlung, weil Ärzte mit den Symptomen besser vertraut sind.

«Manche leben jedoch mit der Krankheit, ohne sich dessen bewusst zu sein. Das ist tragisch; denn ADHS kann relativ gut und erfolgreich behandelt werden, sofern die Erkrankung erkannt wird.»
Susanna Steimer Miller

Krankheit mit vielen Gesichtern

ADHS tritt in verschiedenen Formen auf.

Symptome bei ADHS

Zu den Kernsymptomen gehören Aufmerksamkeitsstörungen, Hyperaktivität und Impulsivität. Diese Symptome können, aber müssen nicht alle gemeinsam auftreten.

50 bis 60 Prozent der als Kind von ADHS Betroffenen haben auch im Erwachsenenalter noch deutliche Symptome und leiden an Problemen, die sich auf die Erkrankung zurückführen lassen. Bei einigen Erwachsenen verwandelt sich die Hyperaktivität in eine innere Unruhe; häufig sind sie von Schlafstörungen betroffen, weil ihr Gehirn schlecht abschalten kann.

Andere haben ein Leben lang schnelle Stimmungswechsel, sind leicht reizbar und neigen auch bei geringem Anlass zu Wutausbrüchen. Dadurch ecken sie vielerorts an. Zahlreiche negative Erfahrungen führen dazu, dass viele Menschen mit ADHS ein tiefes Selbstwertgefühl haben. Mit dem Älterwerden bekommen manche ihre Impulsivität in den Griff.

In Partnerschaften faszinieren ADHS-Betroffene zu Beginn durch ihren Ideenreichtum. Oft wird das sprunghafte und impulsive Verhalten aber auch zu einer Belastung für die Beziehung. Ausserhalb der Familie verfügen sie in der Regel über wenig soziale Beziehungen. Viele leiden zusätzlich an Depressionen und sozialen Phobien.

Erwachsene mit ADHS können sich oft schlecht organisieren, lassen sich leicht ablenken und fallen in Gruppen nicht selten unangenehm auf. Sie haben Mühe, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Oft sind sie schon mit dem «normalen» Alltag überfordert: Sie beginnen viele Aufgaben gleichzeitig, ohne sie zu Ende zu bringen, vergessen Verabredungen und halten Termine nicht ein. In der Jugend brechen manche die Schule oder die Lehre ab, später wechseln sie oft die Stelle oder werden arbeitslos.

Positive Aspekte der ADHS

Kinder und Erwachsene mit ADHS fallen häufig aufgrund ihrer negativen Eigenschaften auf. Oft stehen diese so stark im Vordergrund, dass die vielen positiven Seiten der Erkrankung vergessen gehen: Betroffene sind Querdenker, Erfinder, können aufgrund ihres Drangs, Regeln und Begrenzungen aufzuheben, Althergebrachtes in Frage stellen.
Sie sind mutig, unkonventionell, streiterfahren und unbeugsam, wenn sie von etwas überzeugt sind. Interessiert sie etwas wirklich, können sie hartnäckig daran arbeiten. Sie sind einfühlsam und oft besonders kreativ.

Mögliche Langzeitfolgen von ADHS

Heute profitieren viele Kinder mit ADHS von einer medikamentösen Therapie, die dazu beiträgt, dass sie sich in der Schule leichter konzentrieren und sozial besser integrieren können. Zahlreiche Studien belegen jedoch, dass sich ADHS lebenslang auswirken kann und die Erkrankung mit diversen Risiken in Verbindung gebracht wird.

Viele Untersuchungen zu den Langzeitfolgen von ADHS stammen aus Dänemark. Dort erhalten alle Einwohnerinnen und Einwohner bei der Geburt eine persönliche Identifikationsnummer, über die sämtliche gesundheitsrelevanten Informationen – Informationen zur Schulbildung, zur beruflichen Beschäftigung oder zu strafrechtlichen Vergehen – bis hin zum Tod eines Menschen erfasst werden. Diese Gegebenheiten ermöglichen es Wissenschaftlern, verschiedene Risiken während des Lebens von ADHS-Betroffenen mit jenen von Menschen ohne ADHS zu vergleichen. Ausserdem lässt sich anhand dieser Daten auch feststellen, wie sich eine medikamentöse Therapie auf die Risiken auswirkt.

Suchtmittelmissbrauch

Vielen Menschen mit ADHS fällt es schwer, das richtige Mass zu finden. Deshalb haben sie ein erhöhtes Risiko für diverse Suchterkrankungen, wie zum Beispiel Alkoholabhängigkeit, Drogenmissbrauch, Kauf-, Spiel-, Internet- und Sexsucht.

Eine Studie aus dem Jahr 2016 hat ergeben, dass das Risiko für Alkoholsucht bei ADHS-Betroffenen im Vergleich zu gesunden Menschen um 60 bis 70 Prozent erhöht ist, für Cannabiskonsum um 120 bis 170 Prozent und für andere illegale Drogen um 100 bis 140 Prozent.
Das Risiko wird jedoch davon beeinflusst, wie jung die Eltern bei der Geburt des ADHS-Kindes sind, über welche Ausbildung beziehungsweise welches Einkommen sie verfügen und ob sie selber oder Geschwister des betroffenen Kindes an einer psychischen Erkrankung leiden oder Suchtmittel konsumieren.

«Eine Studie aus dem Jahr 2014 hat zudem herausgefunden, dass auch die Behandlung einen wichtigen Einfluss auf den Suchtmittelmissbrauch hat. Das Risiko steigt um 46 Prozent für jedes Kalenderjahr, in dem keine Behandlung erfolgt.»
Susanna Steimer Miller

Risiko für seelische Erkrankungen

Heute weiss man, dass ADHS das Risiko für Depressionen, Angst-, Zwangs- und Essstörungen erhöht. Durch die Krankheit steigt auch das Risiko, Selbstmord zu begehen.

«Studien haben gezeigt, dass eine medikamentöse Behandlung der Krankheit das Risiko für Depressionen deutlich reduziert.»
Susanna Steimer Miller

Ob die Therapie auch einen schützenden Effekt auf Suizidversuche und Suizide hat, kann noch nicht abschliessend beurteilt werden.

Unfallrisiko

Kinder mit ADHS verunfallen 30 Prozent häufiger als gesunde Kinder. Werden sie adäquat behandelt, sinkt ihr Risiko für Unfälle um rund 32 Prozent. Zudem müssen sie 28 Prozent seltener notfallmässig medizinisch versorgt werden.

Im Erwachsenenalter haben ADHS-Betroffene im Vergleich zu gesunden Menschen ein um 50 Prozent erhöhtes Risiko für schwere Verkehrsunfälle. Unter medizinischer Behandlung sinkt die Unfallrate bei Männern um 29 Prozent. Es wird geschätzt, dass 41 Prozent der Unfälle, in die Männer mit ADHS verwickelt sind, einer Nichtbehandlung zuzuschreiben sind. Bei Frauen mit ADHS beeinflusst eine Behandlung die Unfallrate hingegen nicht.

Kriminalität

ADHS-Betroffene werden häufiger kriminell. Bei Männern, die sich einer Behandlung unterziehen, sinkt die Kriminalitätsrate bei nicht schwerwiegenden Vergehen um 32 Prozent, bei Frauen gar um 41 Prozent. Unter Behandlung werden ADHS-Patienten deutlich seltener verurteilt beziehungsweise inhaftiert als während Therapiepausen. Wenn es um die Verurteilung aufgrund von schwerwiegenden Verbrechen geht, führt eine Behandlung zu keinen Unterschieden.

Medikamentöse Behandlung bei ADHS kontrovers

Das breite Spektrum an Risiken, mit denen ADHS-Betroffene konfrontiert sind, zeigt auf, wie wichtig eine adäquate Therapie der Krankheit ist.

«Doch die Behandlung wird auch heute noch oft kontrovers diskutiert. Immer wieder hört man den Vorwurf, dass es dabei um die Ruhigstellung von lebhaften Kindern und Jugendlichen geht.»
Susanna Steimer Miller

ADHS wird noch nicht überall als Krankheit akzeptiert. Die polemisierende Diskussion führt dazu, dass nicht alle Betroffenen eine Behandlung erhalten oder diese schon nach kurzer Zeit abbrechen, weil sie sich vor einer Stigmatisierung fürchten.