Bewegung hilft der Psyche
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Durch den modernen Arbeitsalltag und die zunehmende Digitalisierung wird die körperliche Bewegung immer geringer. Dieser Entwicklung sollte man aber seiner Gesundheit zuliebe sehr bewusst entgegensteuern und sich selbst zu Sport und Bewegung motivieren. Und zwar regelmässig.

«Das einzig Stabile, das ist immer und überall die Bewegung», sagte 2006 der Ausnahmekünstler Jean Tinguely. Alles ist besser als Sitzen, dieser Meinung ist auch die Bewegungsforschung. Denn am gesündesten lebt, wer sich ständig bewegt. Der Mensch ist ein «Bewegungstier», er braucht die Bewegung, um körperlich aber auch psychisch gesund zu bleiben. Bewegung beeinflusst die Psyche positiv. Im Hinblick auf die Gesundheit ist es zu begrüssen, dass wir uns fit halten. Die Leistungsfähigkeit und die Gesundheit hängen stark von der körperlichen und auch emotionalen Verfassung ab. Den positiven Einfluss von Bewegung auf die Psyche sollten wir uns zunutze machen.

Mit Sport und Bewegung können wir sehr gut Stress abbauen und unsere Stimmung wird positiv beeinflusst. Wenn aber der Antrieb fehlt, ist es nicht einfach, in die Gänge zu kommen. Dass dabei natürlich auch der Körper über diese Macht verfügt und die Seele beeinflussen kann, ist naheliegend. Psychologen sprechen dabei von «Embodiment», also von der Wechselwirkung von Körper, Geist und Seele.

Intuitive Körperwahrnehmung

Experten raten, auf die Bedürfnisse des Körpers zu achten. Je öfter man sich auf den Körper besinnt, umso besser wird die eigene Körperwahrnehmung und umso besser spürt der Mensch, was ihm guttut. Das sind die Fragen, die einen zu sich führen und Körper und Seele als Einheit erfahren lassen. Am besten ist, man spürt in den eigenen Körper hinein – er weiss am besten, was er gerade braucht.

Katzen haben einen ganz besonderen Trick: Oft bekommt der Körper im Alltag nicht so viel Bewegung, wie er eigentlich bräuchte. Das machen Katzen intuitiv: Wenn sie eine Weile herumgelegen haben und dann aufstehen, strecken sie sich erst einmal nach Herzenslust. Dieser Impuls blieb uns Menschen eher verwehrt – wir machen es höchstens morgens nach dem Aufwachen. Man könnte dabei auch noch herzhaft und genüsslich gähnen, so käme doch einiges an gesunder Bewegung zusammen!

Bewegung hilft der Psyche

Bewegungsdefizit langsam ausgleichen

Auch die ideale Körperhaltung gibt es genauso wenig wie die ideale Schuhgrösse. Dank der veränderten Produktionsprozesse, dem weitverbreiteten Einsatz von Maschinen, der Zunahme von Bildschirmarbeitsplätzen, (auch im Homeoffice) und den sitzenden Bürotätigkeiten ist die körperliche Beanspruchung zurückgegangen, beziehungsweise einseitiger geworden. Ein Ausgleich, dieses dem Fortschritt geschuldeten Bewegungsdefizits, durch zusätzliche körperlich-sportliche Aktivitäten wäre somit nicht nur sinnvoll, sondern auch ratsam.

«Die gute Nachricht: Es ist nie zu spät, mit Sport zu beginnen. Auch wenn es nur wenig ist: Jeder Schritt ist von Nutzen für die Gesundheit.»
Jacqueline Trachsel

Falls man zu denjenigen Menschen gehört, die nun bereit sind und am liebsten vom Sofa in die Laufschuhe springen möchten – langsam! Es gilt die Kondition gemächlich aufzubauen, das heisst erhöhen von zehn auf zwanzig und dann auf dreissig Minuten. Danach kann die Intensität allmählich gesteigert werden; vom zügigen Gehen zum langsamen Joggen. Sich auch einmal aufs Fahrrad schwingen, denn mit etwas Wind im Haar, macht Bewegung besonders Spass.

Psychische Erkrankungen und Bewegung

Eine Vielzahl psychischer Erkrankungen und Störungen lassen sich mit körperlicher Bewegung verbessern. Depressionen, Angststörungen, Suchterkrankungen (Sport hilft beim Entzug) und auch psychosomatische Störungen und chronische Schmerzen sind Probleme, die sich mit Bewegung und Sport in der Regel positiv beeinflussen lassen. Chronische Schmerzpatienten beispielsweise fürchten die Bewegung, weil diese die Schmerzen erhöhen könnte. Durch die Bewegungslosigkeit baut der Körper ab und dieser Verfall wird wiederum ängstlich und aufmerksam beobachtet.

Sport hilft auch bei psychischen Problemen, die nicht als Krankheit oder Störung eingeordnet werden. Wer ständig grübelt und dessen Welt sich ständig um seine Probleme dreht, der profitiert enorm davon, wenn er seine Gedankenwelt verlassen kann, indem er Sport treibt.

Doch auch hier hilft nur eines: Den Körper in Bewegung bringen! Und wenn bloss ein Spaziergang für den Anfang möglich ist, ist dieser tausendmal besser, als – wie gesagt – auf dem Sofa zu sitzen oder gar im Bett zu liegen… Man muss zwar nicht unbedingt laufen, um gesund zu bleiben, aber jeder braucht irgendeine Form von regelmässiger, ausdauernder Bewegung. Denn diese beugt vielen Leiden vor und kann auch Krankheitsverläufe verlangsamen oder stoppen. Das betrifft sowohl körperliche Erkrankungen als auch psychische Störungen.

Menschen, die an Ängsten oder Depressionen leiden, neigen häufig zu sozialem Rückzug, Inaktivität, negativer Selbst- und Realitäts­einschätzung, mangelnder Selbstwirksamkeit, Selbstfürsorge und einem geschwächten Selbstwertgefühl. Bewegung und Sport hilft bei psychischen Erkrankungen, denn er hat einen positiven Effekt auf Körper und Seele, lautet ein Slogan. Sport – jetzt auch noch als (Psycho-)Therapie?

Bewegung hilft der Psyche

Nun, die meisten stationären Behandlungsprogramme enthalten auch Elemente körperlicher Aktivierung. Ein im Jahr 2014 veröffentlichter Überblick verschiedener Untersuchungen zeigt: Körperliche Aktivität, (nicht nur Ausdauertraining, auch Tanzen, Tai Chi oder Yoga) wirkt sich günstig auf depressive Symptome aus. Aber ebenso positiv auf schizophrene Störungen. Allerdings bleibt unklar, welche körperliche Aktivität bei welcher psychischen Störung wirksam ist. Gleichzeitig ist aber auch bekannt: Im Zusammenhang mit verschiedenen psychischen Störungen ist die körperliche Aktivität wegen entsprechenden gesundheitlichen Risiken erheblich vermindert. Wie dürfte Sport oder Bewegung wirken?

«Nach längerem (mehrwöchigem) Einsatz scheint Sport oder Bewegung ebenso antidepressiv zu wirken wie die einschlägigen Medikamente. Dies spricht für einen mindestens teilweise gemeinsamen Wirkungsweg, beispielsweise im gemeinsamen Serotonin-System.»
Jacqueline Trachsel

Sport und Bewegung regen über die gesteigerte Aktivität auch soziale Interaktionen an und ermöglichen dadurch positive Verstärkungen seitens der sozialen Mitwelt. Hinter psychischen Störungen stehen in vielen Fällen womöglich seelische Probleme oder schwierige Lebensumstände.

Sich ergänzende Therapien

Bewegung und Sport sind bei Problemen zwar hilfreich, doch kann man seinen Problemen nicht davonlaufen, früher oder später wird der Betroffene davon eingeholt. Beides ist kein Ersatz für eine Problemlösung. Wer beides zur Ablenkung von seinen wahren Problemen benutzt, kann dies zwar für den Moment erreichen, doch klarerweise verschwinden sie durch diese Art des Wegschauens nicht. Wer Probleme hat, sollte sich ihnen stellen und sie zu lösen versuchen, empfohlenerweise mit professioneller Hilfe.

Bewegung hilft der Psyche

Es gilt zu erkennen, was hinter der Depression oder der Angst steckt, welche schwierige Situation oder welches Lebensthema ungelöst ist. Praxiserfahrungen und Erkenntnisse zeigen, dass durch Sport und Bewegung im Alltag die in der Psychotherapie ausgelösten Veränderungsprozesse praktisch erlebt und vertieft werden können. Bei einem geschwächten Selbstwertgefühl beispielsweise werden in der Psychotherapie die zugrunde liegenden Selbstabwertungsprozesse bewusst gemacht und der Betroffene wird mit sich selbst konfrontiert. Gemeinsam wird an einer realistischeren Selbsteinschätzung gearbeitet: Der Sport eignet sich als dankbares Trainingsfeld.

«Denn ein Mensch in der Depression hat den Zugang zu den eigenen Bewegungsimpulsen verloren, jener im Burn-out übergeht die Signale des eigenen Körpers. Hier setzt die Körperbewegungstherapie an.»
Jacqueline Trachsel

Über den achtsamen Umgang und die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper kann der Betroffene wieder Kontakt zu seiner inneren Bewegung aufnehmen, ein Gefäss (Containment) schaffen, welches ihm einen Anker im eigenen Körper ermöglicht und Vertrauen in die eigene Körperwahrnehmung schafft.