Geschichte der Körperhygiene
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Täglich ein- oder gar mehrmals duschen, sich eincremen und parfümieren ist heute allgemein üblich. Auch die Kleider werden regelmässig gewechselt und dank der Erfindung der Waschmaschine sind wir immer sauber gekleidet. Heute widmen wir der Sauberkeit des Körpers so viel Aufmerksamkeit, dass Stimmen über die Schädlichkeit dieser Praxis laut werden.

Gesellschaftliche Trends

Möglicherweise schadet das viele Duschen der Haut. Zahlreiche Kosmetikartikel enthalten chemische Zusatzstoffe und belasten sowohl den Körper als auch die Umwelt.

Doch dem allgemeinen Trend in einer Gesellschaft kann sich niemand entziehen. Körperhygiene ist kulturell geprägt und hat sich über die Jahrhunderte der Menschheitsgeschichte immer wieder verändert. Was in einer Zeit gesund war, ist in einer anderen Epoche verpönt. Dafür hatten die Menschen ihre Gründe. Die Körperhygiene war immer stark von religiösen, kulturellen und gesundheitlichen Aspekten geprägt.

Luxuriöse römische Bäder

Die Römer der Antike sind bis heute für ihr ausschweifendes Leben bekannt. Sie frönten dem Genuss, liebten das Essen, den Wein und warme Bäder. Da die Römer uns viele Geschichten überliefert haben, wissen wir, dass sie in Ziegen- oder Eselsmilch badeten, um die Haut geschmeidig zu machen. Die römischen Badestuben verfügten über einen Salbenraum, wo sich die Römerinnen mit auserlesenen Ölen, mit Honig oder Kräutercremes massieren liessen.

Allerdings war in der Antike das Baden ein Luxus und nur den obersten Gesellschaftsschichten vorbehalten. Sauberkeit und Wohlgerüche galten als Symbol der Reichen und Mächtigen.

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Gesundheitsschädliches Wasser

Mit dem Untergang des Römischen Reiches verlor die Körperhygiene immer mehr an Bedeutung, selbst in den oberen Gesellschaftsschichten. Die folgenden Jahrhunderte waren von einem körperfeindlichen Christentum und der Angst vor Wasser geprägt. Nicht ganz unbegründet, denn über das Wasser wurden schwere Krankheiten wie Cholera oder Typhus verbreitet. Zwar wussten die Menschen, auch die Ärzte und Forscher, nichts von Krankheitserregern, aber man vermutete doch richtig, dass Wasser krank machen konnte.

«Die Angst sich anzustecken war so gross, dass man auf die Körperpflege fast ganz verzichtete. Vor allem auf dem Lande galten Dreck und Schmutz als gesund. Diese Idee war derart verbreitet, dass sich die Drecksmedizin entwickelte. Damit sind Behandlungen mit Urin, Kot oder die Wundbehandlung mit Kuhdung gemeint.»
Judith Dominguez

Wir können uns heute nicht mehr vorstellen, wie die Menschen damals gerochen haben. So glaubten die Menschen, dass Läuse gesund sind und das Blut von schlechten Körpersäften reinigen.

Sündhafte Nacktheit

In den christlich geprägten Ländern galt das Waschen des Intimbereichs sogar als Sünde. Um sich zu waschen oder um zu baden müssen nun mal die Kleider abgelegt werden; gerade die Nacktheit aber war streng untersagt. Selbst berühmte Ärzte der damaligen Zeit rieten strikt vom Waschen der Haut ab. Nur das Weihwasser galt als Heilquelle.

Ausserdem schenkte man in diesen Jahrhunderten der Haut kaum Beachtung – weder im ästhetischen noch medizinischen stehenden Massen abzugrenzen. Wer frisch gewaschen war und mit sauberer Kleidung in die Öffentlichkeit trat, gehörte zu den Reichen und Einflussreichen. Arme Leute hatten noch keinen Zugang zu frischem Wasser in der Wohnung und konnten sich allenfalls durch eine Katzenwäsche mithilfe der Waschschüssel im Schlafzimmer erfrischen. Fliessendes Wasser und Badezimmer waren bis dahin unbekannt.

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Das Baden in Seen und Flüssen war fast überall verboten, denn Badeanzüge gab es noch nicht; und sich nackt zu zeigen, war eine Sünde. Die künstlerische Darstellung nackt Badender rief heftige Empörung hervor und galt als Pornografie. Goethe soll gern zusammen mit Freunden im Freien nackt gebadet haben, mehr zum Vergnügen denn aus hygienischen Gründen. Das wurde von seinen Zeitgenossen als bedenklich und flegelhaft bezeichnet.

Heilung statt Sauberkeit

Zwar gab es zu dieser Zeit bereits öffentliche Bäder, in dessen Schutz man sich waschen konnte. Diese waren aber eher als Heilbäder denn zur Körperhygiene gedacht. Mit Bädern versuchte man alle möglichen Erkrankungen zu heilen. Bäder waren Behandlungsmethoden in Form einer Therapie; und man suchte sie nicht wegen der Körperhygiene auf.

«Selbst das Wort "Hygiene" war damals noch nicht gebräuchlich. Erst Ende des 18. Jahrhunderts wurde dieses an der Universität von Paris als Fachbegriff eingeführt.»
Judith Dominguez

Sauberkeitsboom dank Keimen

Etwa um die Mitte des 19. Jahrhunderts entdeckten die Forscher die Krankheitserreger und entwickelten auf dieser Basis die Keimtheorie. Nur sehr langsam setzte sich das neue Wissen in der Gesellschaft durch. Körperpflege war nun mal nicht Tradition und diese zu ändern, gestaltete sich schwer. Es begann ein regelrechter Hygienefeldzug, in dessen Licht die Seifenherstellung ihren Anfang nahm.

Die Seifenproduzenten warben aus wirtschaftlichen Interessen sehr für die regelmässige Körperpflege – das trug dazu bei, die Hautpflege nach und nach nicht nur für die Begüterten in eine alltägliche Routine zu überführen. Die Ratgeberliteratur zum Thema Sauberkeit boomte. Die Texte waren besonders an die Frauen gerichtet und man entlehnte Erkenntnisse aus dem sagenhaften Orient, um die Frauen hierzulande zu überzeugen. Ein sauberer Frauenkörper wurde als Symbol der Schönheit und Reinheit erachtet und machte das weibliche Geschlecht für die Männer attraktiv.

Erzwungene Sauberkeit

Die neue Sauberkeit wurde so in allen Gesellschaftsschichten zur Norm. Zu Beginn der Industrialisierung fürchtete man sich vor unsauberen Arbeiter*innen und Diener*innen, denn man wusste zu der Zeit bereits, dass es ansteckende Krankheiten gibt. Die Oberschicht entwickelte eine regelrechte Abscheu gegenüber ungewaschenen Leibern und setzte alles daran, dass diese die Möglichkeit erhielten, sich sauber zu halten.

Man wünschte sich geruchlose Nachbarn und Angestellte. Die Körperpflege wurde zu einer Form der Disziplin. In Gefängnissen und Armenanstalten zwang man die Insassen zur Körperpflege und hoffte, sie auf diese Weise umerziehen zu können.

«Der saubere Körper, den wir heute mit Wohlbefinden und Gesundheit gleichsetzen, musste damals den unteren Bevölkerungsschichten mit viel Druck aufgezwungen werden. Freiwillig wollte sich kaum jemand den neuen Sauberkeitsnormen beugen.»
Judith Dominguez

Entstehung einer Hygieneindustrie

Gleichzeitig entwickelte sich eine Hygieneindustrie. Es wurden nicht nur Seifen, sondern auch Wasserpumpen, Badezimmereinrichtungen und Waschutensilien benötigt. Es entstanden neue Berufe wie die der bezahlten Wäscherin. Kleiderwaschen war aufwendig, deshalb wechselten Arbeiter ihre Unterwäsche höchstens einmal im Monat. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts wusch man auf dem Lande nur zweimal im Jahr die Wäsche, an den offiziellen Waschtagen.

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Die Verbreitung der Waschmaschine hat neben Kosmetikprodukten wesentlich zu einem Umdenken in Sachen Körperhygiene beigetragen.