Lange und gesund Leben dank Entgiften?
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Träumen wir nicht alle davon, bis ins hohe Alter fit und vital zu bleiben? Krankheiten aus dem Leben zu verbannen und zu heilen? Fazit: Höchste Zeit zum Entgiften, sagen sich viele.

Gefährliche Giftstoffablagerungen?

Jeden Tag müssen unsere Organe Höchstleistungen im Kampf gegen Gifte in unserem Körper erbringen. Diese stammen aus industrieller Nahrung, Umweltgiften wie Schwermetallen und Feinstaub. Rauchen (auch passiv) und Alkohol belasten den Körper noch zusätzlich.

Das Resultat: Unsere Organe werden den Giftstoffen nicht mehr Herr und lagern diese im Körper ein. Gefährliche Schlacken entstehen und verstopfen Arterien, Adern, den Darm und die Zellen, gibt es zu lesen. Die Folgen könnten katastrophal und der Beginn gefährlicher Krankheiten sein. Und je älter wir werden, desto mehr Giftstoffe von Umwelt, Chemikalien, Medikamenten oder Konservierungs­stoffen häufen sich im Körper an. Bei vielen ist es bereits ab 50 Jahren kritisch. Denn je mehr Giftstoffe vorhanden sind, desto weniger schaffen es die Organe, diese zu beseitigen, heisst es laut den Medien. Wenn der Körper nicht regelmässig von diesen Giftstoffen befreit wird, sind Tür und Tor für gefährliche Krankheiten weit geöffnet. Folgende Krankheitsbilder werden unterschieden:

  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Herzinfarkt, Schlaganfall, Arterienverstopfung, plötzlicher Herztod.
  • Knochen werden spröde, Zähne faulen, die Haut wird trocken.
  • Tödlicher Krebs wächst in den Zellen heran.
  • Cholesterinwerte kommen durcheinander.
  • Diabetes und Übergewicht entstehen.
  • Gelenke werden zerstört und hören nicht mehr auf zu schmerzen.
  • Blut verdickt und verstopft die Adern.
  • Sehnen und Muskeln übersäuern und werden zur schmerzhaften Tortur.
  • Die Lunge leidet, das Atmen wird schwerer.
  • Der Darm wird träger, die Verdauung erschwert, Schlacken werden nicht mehr abtransportiert.
  • Die Nieren arbeiten verlangsamt und können versagen.
  • Das Gehirn beginnt zu schrumpfen, weil es nicht mehr ausreichend versorgt wird.

Die meisten können zu Erkrankungen wie Allergien, Gicht, Neurodermitis oder Schuppenflechte führen, so die Verfechter dieser Annahme.

Das Problem mit der Definition

Doch warum gibt es Menschen, die diese Erkrankungen nahezu gar nicht erkennen und oder nicht wahrhaben wollen? Über den bestehenden scheinbar 127 Zivilisationskrankheiten haben viele Menschen nur ein gemeinsames Fazit: Es ist höchste Zeit zum Entgiften! Wer eine Entschlackungs- und Entgiftungskur macht, fühlt sich wie neugeboren, so lautet das unmissverständliche Credo der Befürworter.

«Fasten-, Entschlackungs- und Entgiftungskuren – auf Neudeutsch Detox genannt – sind sehr populär geworden und werden in Hotels, Kurhäusern, aber auch für den Hausgebrauch – teils sündhaft teuer – propagiert.»
Jacqueline Trachsel

Während einer sogenannten Detox-Kur sollen Darm, Nieren, Leber, Galle, das Lymphsystem und die Haut von Schadstoffen befreit und gereinigt werden, wird suggeriert. Die stärksten Entgiftungsprofis von Mutter Natur, ganz ohne Nebenwirkungen, lassen die Organe wieder aufleben.

Obwohl wir hier nicht von ausgesprochenem FASTEN sprechen, können die verschiedenen Entschlackungs- und Entgiftungskuren mit oder ohne Darmreinigung beginnen und Nahrung nur in flüssiger (Säfte, Smoothies und Suppen) oder (zusätzlich) fester Form erlauben.

Beim Detox gelten folgende Empfehlungen: Viel (basisches) (Bio-) Gemüse und Obst, viel Rohkost; viel Flüssigkeit (ungezuckert und alkoholfrei), kein raffinierter Zucker, keine Weissmehlprodukte, keine Fertignahrungsmittel, keine Milchprodukte, keine Genussmittel wie Kaffee, Alkohol und Zigaretten, viel Ruhe und Schlaf. Reichlich trinken: am besten 2 bis 2,5 Liter am Tag. Ideal sind stilles Wasser oder ungezuckerter Kräutertee.

Und obwohl auch diese reduzierte Detox-Form den Körper durch die reduzierte Kalorienzufuhr stressen kann, können sich auch positive Ergebnisse einstellen: Die Insulinresistenz (bei Diabetikern ein Problem) verbessert sich, der Blutdruck wird gesenkt und Entzündungsfaktoren nehmen ab.

Bei Entschlackungskuren spielt auch der Säure-Basen-Haushalt und der daraus resultierende pH-Wert eine zentrale Rolle. Sicher ist: Grundsätzlich schaden wird eine Entschlackungskur nicht, da sie nur über einen begrenzten Zeitraum, das heisst von einer bis zu vier Wochen durchgeführt wird und genau genommen zu den Naturheilverfahren gehört …

Fehlender wissenschaftlicher Beweis

Fehlernährung und Stress führen zu einer Übersäuerung des Organismus mit zahlreichen negativen Folgen.

«Es gibt Studien, die eine Verbindung zwischen der Säure im Körper und Osteoporose nahelegen, ansonsten gibt es für die Wirksamkeit der Entschlackung keinen wissenschaftlichen Beweis.»
Jacqueline Trachsel

Im Gegenteil: Die Schulmedizin betrachtet «Entschlackungskuren als fehl am Platz, denn in einem gesunden menschlichen Körper gebe es weder Ansammlungen von Schlacken, noch würden sich Stoffwechselprobleme ablagern. Alles werde über den Dünndarm ausgeschieden. Und die Puffersysteme des Körpers verhinderten eine Übersäuerung.»

Entlastung statt Heilung

Doch der Verzicht auf bestimmte Lebensmittel und eine reduzierte Kalorienzufuhr scheinen wirklich eine positive Auswirkung auf den Stoffwechsel zu haben. Durch Weglassen niederwertiger Lebensmittel und schädlicher Genussgifte wird dieser merklich entlastet, sodass er sich selbst wieder feiner und im Sinne seiner natürlichen Funktionen regulieren kann.

Zudem werden der Körper und seine Organe (zum Beispiel die Leber) mit warmen Wickeln, Bewegung, Sauna oder Massagen unterstützt. Zugegebenermassen stimmt es auch, dass man sich nach einer Entschlackungs- und Entgiftungskur gut fühlt, allein schon deswegen, weil man die Herausforderung positiv gemeistert und die Kur durchgezogen hat. Bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Rheuma und Asthma können Entschlackungs- und Entgiftungskuren hilfreich sein.

«Auch soll die Anfälligkeit für Alzheimer, Parkinson und Krebs möglicherweise reduziert werden – bisher zumindest in Tierversuchen. Das zeigte zumindest eine Studie aus dem Jahr 2017.»
Jacqueline Trachsel

Bis heute bleibt jedoch die kritische Frage offen, ob sich – wie beschreiben – echte Krankheiten nebst der Vorbeugung auch wirklich heilen lassen. Wissenschaftlich ist bis heute nicht bewiesen, dass mithilfe dieser Kuren Schlacken und Schadstoffe komplett aus dem Körper ausgeschieden werden können. Was aber sicher ist, dass man dem Körper und sich selbst einen Gefallen tut.

Dem Körper einfach einen Gefallen tun

Wer sich ganz ohne zusätzliche Kosten nach Feiertagen wieder fit fühlen will, sollte ganz simple Ratschläge beherzigen: Den Griff zu leichterer Kost, viel Bewegung an der frischen Luft und das Vermeiden von Alkohol und Zigarettenrauch.

«Deswegen darf man sich freuen, dass der Körper ganz natürlich Tag und Nacht alles aussortiert, was nicht hineingehört - und das ganz ohne spezielles Zutun.»
Jacqueline Trachsel

Interessant ist – und da kann sich die Alternativmedizin doch noch ein paar Punkte holen – nämlich, dass reinigende «Rituale» eine uralte Tradition haben, sei es zu spirituellen oder heilenden Zwecken. Schon im Altertum wollten sich Menschen durch den Verzicht auf bestimmte Nahrungsmittel beziehungsweise durch Fasten reinigen und körperlichen Ballast loswerden. Die damaligen Einschränkungen waren meist religiös bedingt vom Klima und der damit verbundenen Lebensweise der Menschen geprägt. Diese spielen heute noch in vielen Kulturen und Religionen eine wichtige Rolle. Gemeinsam ist solchen Verfahren zur Entgiftung, Reinigung und Stärkung, dass sie Gesundheit und Abwehrkräfte stärken und das Wohlbefinden unterstützen sollen.

Doch was genau bringt das Entschlacken beziehungsweise Entgiften wirklich?

«Für viele Wissenschaftler ist der einzige Sinn, den solche Kuren für Menschen haben kann, der, dass man prinzipiell über seinen Lebensstil nachdenkt, über seinen Essstil, seine Lebensmittelauswahl.»
Jacqueline Trachsel

Für manche Menschen kann das ein Einstieg in eine veränderte Ernährung sein und bewirken …