Gut hören im Alter ist Lebensqualität
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Dank eines Cochlea-Implantats vermögen Betroffene wieder mit Freude soziale Kontakte zu pflegen.

Für die Teilnahme am sozialen Leben ist gutes Hören im Alter zentral. Wenn das Hörgerät nicht mehr ausreicht, kann ein Cochlea-Implantat die Hörfähigkeit wieder verbessern.

Alexander Huber ist Direktor der Klinik für Ohren-, Nasen-, Hals- und Gesichtschirurgie am Universitätsspital Zürich und Spezialist für Cochlea-Implantate (CI). Zur Klinik gehört das Cochlea-Implantat-Zentrum Zürich.

Herr Dr. Huber, worin besteht der Unterschied zwischen einem Hörgerät und einem Cochlea-Implantat?

Ein Hörgerät ist eine externe Hörhilfe, die einfach den aufgenommenen Schall verstärkt. Das funktioniert, sofern im Gehör noch Haarzellen intakt sind. Das sind die Zellen, die im Ohr den Schall in elektrische Aktivität umwandeln. Beim Cochlea-Implantat wird der eingehende Schall über einen Prozessor in elektrische Impulse umgewandelt, die direkt die Nervenzellen im Gehör stimulieren und einen Höreindruck erzeugen. Das funktioniert selbst dann, wenn die Haarzellen versagen. Das Cochlea-Implantat besteht aus einem äusseren Teil, der wie ein Hörgerät getragen wird, und einem inneren Teil, der in einer Operation implantiert wird.

Viele kennen das Cochlea-Implantat als Hörhilfe, die vor allem bei Kindern eingesetzt wird, die von Geburt an nicht hören können. Immer häufiger entscheiden sich aber auch ältere Menschen dafür. Warum?

Gut hören im Alter trägt zur Lebensqualität bei. Auch deshalb sind Hörhilfen heute gut akzeptiert. Wenn die Hörfähigkeit derart nachlässt, dass man mit Hörgeräten nichts mehr verbessern kann, suchen deshalb immer mehr Menschen nach weiteren Möglichkeiten und stossen so auf das Cochlea-Implantat. Oder sie werden von Ärzt*innen oder Hörgeräteakustiker*innen darauf aufmerksam gemacht.

Cochlea-Implantat-Zentrum am USZ

Das erste Cochlea-Implantat (CI) am Universitätsspital Zürich wurde 1977 im Rahmen der Forschung eingesetzt. Heute ist das CI-Zentrum am USZ ein zertifiziertes klinisches Dienstleistungszentrum mit rund tausend Patientinnen und Patienten. Das Zentrum betreut Kinder und Erwachsene, die ein Cochlea-Implantat oder ein anderes Hörimplantat erhalten, von der Vorabklärung über die Operation bis zur lebenslangen Kontrolle. Das CI-Team besteht aus Fachpersonen aus interdisziplinären Bereichen wie Medizin, Elektrotechnik, Hörgeräteakustik und Logopädie.

Gibt es eine Altersbeschränkung?

Nein. Weil das Hören mit dem Cochlea-Implantat nicht direkt mit «normalem» Hören vergleichbar ist, müssen alle CI-Trägerinnen und ‑Träger das Hören damit lernen und immer wieder trainieren, unabhängig vom Alter. Dafür braucht es Motivation und etwas Durchhaltevermögen. Eine unserer ältesten Patientinnen entschied sich mit 89 Jahren für das CI, als sich ihre Hörfähigkeit rapide verschlechtert hatte. Sie hat das Implantat nun seit zehn Jahren und kommt damit gut zurecht. Alltagsgespräche, Telefonieren und Radio hören wurden damit wieder möglich.

Wie finden Sie heraus, ob jemand für ein Cochlea-Implantat in Frage kommt?

Die Abklärung und Beratung in unserem CI-Zentrum sind sehr umfassend und erfolgen durch ein interprofessionelles Team. Denn neben den körperlichen Voraussetzungen gibt es auch einige andere Punkte zu bedenken und vorzubereiten, vor allem für die erste Zeit nach der Operation, wenn man mit dem CI noch nichts hört. Dann sollten Angehörige oder Freunde verfügbar sein, die in dieser Zeit im Alltag oder beim Hörtraining unterstützen können. Wir können Interessenten auch andere CI-Träger vermitteln, die ihnen aus erster Hand berichten.

Ein CI ist ein Hightechgerät. Muss man technisch versiert sein, um damit umzugehen?

Die Geräte werden immer einfacher und können über ein Smartphone bedient werden. Den Umgang damit sind sich heute auch viele Ältere gewohnt. Und die meisten hatten davor ein modernes Hörgerät. Der Sprung zum Cochlea-Implantat ist in dieser Hinsicht deshalb nicht so gross.

Cochlea-Implantat

Das Cochlea-Implantat-System besteht aus zwei Teilen: der bei der Operation implantierte Teil mit dem Elektrodenträger in der Hörschnecke, und der äussere Teil, der Soundprozessor, der wie ein Hörgerät hinter dem Ohr getragen wird. Das Mikrofon des äusseren Teils nimmt den Schall auf und leitet diesen an den Prozessor weiter. Der Prozessor wandelt die Schallinformationen in eine Reihe von elektrischen Impulsen um und sendet diese drahtlos über eine Sendespule durch die Haut an das Implantat. Das Implantat stimuliert elektrisch direkt die Nervenzellen und erzeugt so einen Höreindruck. Ein Cochlea-Implantat funktioniert deshalb auch, wenn die Haarzellen nicht mehr funktionieren.

Sie haben gut zu hören im Alter angesprochen. Warum ist das so wichtig?

Es ist zentral, um sich am sozialen Leben zu beteiligen. Viele Betroffene entwickeln Hemmungen, am gesellschaftlichen Austausch teilzunehmen, wenn sie Gesprächen nicht mehr folgen können oder der Theater- und Konzertbesuch kein Genuss mehr ist. Sie ziehen sich zurück und geraten dadurch zunehmend in eine soziale Isolation. Das gilt erst recht für Personen, die nicht mehr fit und mobil sind, wenn dann ebenfalls der telefonische Kontakt mit Angehörigen und Freunden nicht mehr möglich ist. Fehlen Austausch und Anregung durch direkte Kontakte, aber auch durch Radio und Fernsehen, kann dies nicht nur Depressionen fördern. Auch eine Demenz kann dadurch schneller voranschreiten und zu einem verfrühten Verlust der Selbstständigkeit führen. Wenn das Hörgerät nicht mehr ausreicht, werden leider häufig keine Anstrengungen mehr unternommen, das Hören noch einmal zu verbessern und alle Möglichkeiten auszuschöpfen. Das Cochlea-Implantat ist eine davon und unsere Erfahrungen bei älteren Personen damit sind gut. Deshalb sollte man es unbedingt in Erwägung ziehen.

Weitere Informationen zum Cochlea-Implantat:

usz.ch