03. Juli 2023

Wenn die Beziehung zur Gewaltfalle wird

Wenn die Beziehung zur Gewaltfalle wird
Lesezeit ca. 6 min

Hiebe statt Liebe: Gewalt in der Beziehung erfahren nicht nur Frauen, sondern auch Männer. Häufiger, als man vermutet. Doch meist schweigen Betroffene – Jérôme ist die Ausnahme.

Manchmal wird der Traum einer erfüllenden Beziehung, in der man Liebe, Geborgenheit und Zuneigung erfährt, zum Alptraum: Man wird geohrfeigt, geschlagen, gestossen. Sind Männer betroffen, schämen sie sich, gehört es doch zum Selbstbewusstsein eines Mannes, sich nicht verprügeln zu lassen – kein Opfer zu sein, das man bemitleidet. Darum schweigen fast alle männlichen Opfer von häuslicher Gewalt (vgl. Interview im Anschluss mit Thomas Gall ). Jérôme jedoch erzählt.

Sympathisch und verliebt

«Ich war knapp zwanzig. Meinen ersten Freund lernte ich über eine Dating-App kennen. Es ging mir nicht so gut. Vielleicht weil ich selbst nicht in heiterer Stimmung war, zog es mich zu meinem späteren Partner. Er sagte mir, er sei depressiv. Ich fand ihn sympathisch, schätzte es, dass er das offenlegte – und verliebte mich in ihn. Heute weiss ich, dass ich lediglich verliebt war; dass es nicht Liebe war. Aus diesem Gefühl von Verliebtsein bezog ich mit ihm eine schöne Wohnung, die ich mir allein nicht hätte leisten können. Ich zog mit ihm zusammen, obwohl es ein paar Mal zuvor heftigen Streit gegeben hatte. Er war ausgetickt, weil er beim Gamen verlor. Ich buchte dies als Konflikte ab, wie sie in einer Beziehung vorkommen können. Unser Zusammenleben gestaltete sich ein paar Wochen recht harmonisch. Er erhielt eine volle IV-Rente, besuchte einen Ort, der ihm Struktur gab und kümmerte sich um den Haushalt.»

Spielen und verlieren

«Doch dieses geordnete Leben brach er von einem Tag auf den anderen ab, indem er die Medikamente absetzte. Fortan gamte und zockte er. Kam ich nach Hause, sagte er, das Leben sei sinnlos; er wolle sich umbringen. Einmal fand ich ihn in der Badewanne in rotem Wasser – er hatte sich geritzt und war eingeschlafen. Eines Tages, als er wieder den ganzen Tag gespielt und verloren hatte, schlug er mich ins Gesicht, sodass meine Brille zu Boden flog. Ein anderes Mal schmiss er mit einem Glas nach mir – ich konnte mich noch aus der Wohnung retten. Dem Nachbarn, der mich erstaunt ansah, gaukelte ich etwas vor.

«Ich nahm meinen damaligen Freund immer in Schutz; auch vor meiner Familie, die sich Sorgen um mich machte.»
Jérôme

Zwar erstattete ich Anzeige, zog sie dann aber wieder zurück. Dies auch darum, weil wir finanziell miteinander verstrickt waren. Eine Busse belastete unser Budget zusätzlich. Und auch ich geriet in Schulden, weil ich die seinen übernahm.»

Mitleid und Angst

«Vier Jahre lang versuchte ich, mich von ihm zu lösen. Doch ich hatte Mühe, ihn loszulassen. Zum einen, weil ich Mitleid mit ihm hatte. Ich sagte mir: Das ist nicht er; es ist seine Krankheit, die ihn immer wieder austicken lässt. Zum anderen lebte ich in ständiger Angst er würde sich etwas antun. Weiter dachte ich, ich könnte mir keine eigene Wohnung leisten. Ich wohne nicht gerne allein.

Nach vier Jahren kam dieser Moment, da wusste ich: Es ist nicht lediglich seine Krankheit, das ist er. Darum provozierte ich den Eklat. Ich rief die Polizei, gegen die er sich wehrte und die ihn schliesslich in Handschellen abführte. Das war auch der Moment, als die Opferhilfe eingeschaltet wurde. Dass ich mich von ihm hatte lösen können, dabei half mir auch unsere Hündin. Sie litt ebenso. Ich musste es auch für sie tun.»

Liebe- und respektvoll

«Diese Erfahrung hat mich gelehrt: Es geht immer irgendwie weiter, eine Tür öffnet sich.

«Man darf nicht aus Angst in entwürdigender Lage verharren.»
Jérôme

Mit meinem jetzigen Mann lebe ich nun eine glückliche Beziehung. Diesmal ist es Liebe. Vor kurzem habe ich meinen ersten Freund wieder getroffen. In gutem Einvernehmen. Ich würde sagen, ich habe ihm verziehen.»

Interview
Rechtzeitig «Stopp» sagen

Als Mann muss man das Leben im Griff haben: Dieser Glaubenssatz hält die meisten Männer davon ab, sich als Opfer von Gewalt zu outen. Das sagt Thomas Gall von der Opferhilfe beider Basel.

Thomas Gall, Mann und Opfer sein: Das passt nicht zusammen.

Ja. Das macht es einem Betroffenen schwer, sich schon nur einzugestehen, dass er Opfer von Gewalt ist. Männer gehen davon aus, dass ein rauer Umgang zum männlichen Leben gehört. Dass man das als Mann im Griff haben muss.

Bei welchen Anzeichen müssen die Alarmlampen blinken?

In der Beratung lässt sich oft definieren, wo diese Anzeichen im spezifischen Fall sind und wie es darauf zu reagieren gilt. Wichtig ist zu erkennen, wann die rote Linie überschritten ist: Ist es die Lautstärke des Streits? Sind es Beschimpfungen oder Sachbeschädigungen? Besteht Gefahr nach dem Konsum bestimmter Substanzen? Kommt es zu Verletzungen der körperlichen Integrität, zum Beispiel durch Stossen oder Schütteln?

Wie reagiert man angemessen?

In manchen Beziehungen reicht es, rechtzeitig sagen zu können: «Stopp. Wir machen hier eine Pause und ich gehe eine Stunde spazieren. Danach treffen wir uns im Café und besprechen das weiter.» In anderen Beziehungen wird es nötig, einen vorgepackten Notkoffer zu nehmen und vorübergehend einige Tage zu einem Freund, ins Hotel zu ziehen oder die Polizei zu rufen.

Wenn es eskaliert: Ist eine Beziehung noch zu retten?

Bei Gewalt, die situativ aus einem Konflikt entsteht und nicht systematisch angewendet wird, ist die Beziehung allenfalls noch zu retten. Dazu braucht es den Willen und die Bereitschaft beider, sich mit dem eigenen Verhalten auseinanderzusetzen und allenfalls Hilfe in Anspruch zu nehmen. Sei das in einer Paarberatung oder individuell in einem Täterprogramm. Zusätzlich schwierig wird es, wenn Suchtdynamiken oder psychische Erkrankungen eine Rolle spielen.

Ist dann alles verloren?

Hier lege ich in der Beratung den Fokus darauf, die Eigenständigkeit des Betroffenen zu stärken. Um ihn dabei zu unterstützen, sich frei und selbstbewusst für oder gegen die Beziehung zu entscheiden.