Neuer Raum für altbewährte Praktiken
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Das neue Gebäude für das Heilmittellabor. Seit dem Spatenstich am 19. Oktober und der Grundsteinlegung am 8. Dezember 2021 wurden hierfür 423 Kubikmeter Holz verbaut. Bild: ARGE Architekten, Fotograf: Stijn Poelstra.

Das Heilmittellabor der Klinik Arlesheim hat ein neues Zuhause erhalten. Der Vollholzbau aus Mondholz ist durchwegs auf Nachhaltigkeit ausgerichtet. Und er passt perfekt zur anthroposophischen Ausrichtung der Baselbieter Privatklinik mit ihrer langen Tradition.

Anthroposophische Medizin

Die Klinik Arlesheim war 1921 als Klinisch-Therapeutisches Institut von Dr. med. lta Wegman in enger Zusammenarbeit mit Dr. Rudolf Steiner gegründet worden, und hat sich seither der Anthroposophie verschrieben. Heute ist die Baselbieter Klinik ein Akutspital für Innere Medizin, Onkologie und Psychiatrie mit angegliedertem Ambulatorium. Trotz oder wegen der langen Tradition steht die Zeit in Arlesheim alles andere als still. So bescherte man sich jüngst ein neues wie innovatives Gebäude für das klinikeigene Heilmittellabor.

Bislang befand sich das Heilmittellabor nicht separat auf dem Klinik-Campus, sondern im Mitarbeiterhaus. Dies ungeachtet des für eine Manufaktur beachtlich grossen Produktesortiments von rund 600 verschiedenen Heilmitteln und etlichen Pflegeartikeln aus der Naturkosmetik – sowie der langen Tradition. So stellt die Klinik bereits seit 1929 eigene Heilmittel her.

«Und zu guter Letzt bildet die Heilmittelherstellung zusammen mit den Sparten Medizin, Pflege und Therapie die vier Pfeiler der Anthroposophischen Medizin.»
Martin Mäder

Neues Zuhause für Heilmittel

Das Manko, dass die in der anthroposophischen Klinik so wichtige Produktion eigener Heilmittel mit dem Personalhaus nur «beiläufig» untergebracht war, ist im Zuge des Neubauprojekts für ein neues Klinikhauptgebäude beseitigt worden. Dabei ist der neue Bau für das Hauptgebäude (Ersatzbau Haus Wegman) schon seit Jahren in Planung, doch ein erstes Projekt mit Namen «Schmetterling» wurde 2019 aus Kostengründen eingestellt. Für den jetzt zweiten Anlauf für einen Klinikneubau wurde das Mitarbeiterhaus abgerissen. Am vergangenen 16. Oktober war der Spatenstich für dieses Neubauprojekt mit einem Kostendach von 55 Millionen Franken.

Nachhaltige Vollholzgebäude für die Klinik Arlesheim | Klinik Arlesheim
Visualisierung des geplanten Vollholzbaus eines neuen Klinikhauptgebäudes. Bild: zvg.

Widerstandsfähiges Mondholz

Das Heilmittellabor seinerseits ist bereits seit dem Spätsommer in seinem neuen Zuhause. Am vergangenen 11. November war die Bevölkerung zu einem feierlichen «Tag der offenen Tür» geladen. Diese konnte einen stattlichen wie innovativen Vollholzbau bestaunen, dessen Erstellung rund sieben Millionen Franken gekostet hatte. Übrigens wird auch die neue Klinik, sie soll 2027 bezugsbereit sein, im Vollholz-Stil ausgeführt sein.

Für den Laborbau wurde unbehandeltes Mondholz von Fichten und Tannen aus Österreich und der Schweiz verwendet, für die Fassade nutzte man Lärchen aus dem Schwarzwald.

Was ist Mondholz?

Mondholz wird jeweils im Winter und bei abnehmendem Mond geschlagen, danach folgt eine Trocknungsphase von rund zwei Jahren.

Mondholz ist nicht nur sehr langlebig, sondern ebenfalls witterungsbeständiger und widerstandsfähiger als übriges Bauholz. So weist es eine um bis sieben Prozent grössere Dichte als herkömmliches Holz auf und ist weniger anfällig für Schädlinge.

Für das Laborgebäude wurden 165 Mondholzbäume verarbeitet; die verbaute Holzmenge liegt gesamthaft bei 423 Kubikmetern. Ferner kam die von Erwin Thoma in Österreich erfundene «Holz100»- Bauweise zur Anwendung. Dabei arbeitet man mit Holzdübeln statt giftigem Leim.

Durch und durch nachhaltiges bauen

Die neuen Räume der Heilmittelherstellung im Parterre des vierstöckigen Gebäudes samt einem UG wurden entsprechend den Anforderungen der Arzneimittelbehörde Swissmedic gestaltet. Daneben beherbergt das Gebäude, mit einer oberirdischen Gesamtfläche von 1085 Quadratmetern, unter anderem noch Büros der Klinikverwaltung. Das Haus erfüllt die Vorgaben des Labels «Minergie-P», so gibt es zum Beispiel zur Wärmegewinnung fünf Erdsonden. Der Stromversorgung dient ebenfalls eine Photovoltaikanlage.

Ausserdem ist der Beton, etwa für das Fundament, Aufzugsschacht und Treppen, Recyclingbeton aus der Region und wurde mit Pneumatit angereichert. Die Flüssigkeit Pneumatit wird dem Beton beigemischt, um in ihm eine biologische Aktivität zu verankern. Auch soll so das Raumklima besser ausfallen. Wegen der Wärmeregulation durch Bauteilaktivierung benötigt das Gebäude weniger Energie. Das Holz dient als Wärmespeicher und man nutzt wasserführende Rohrleitungen in Wänden, Decken oder Böden.

Heilende Architektur

«Die nachhaltige Bauweise entspricht unserer anthroposophischen Ausrichtung», erklärt Sabine Schönenberger, die Leiterin Marketing und Kommunikation in Arlesheim. Doch die grösste anthroposophische Klinik der Schweiz geht noch weit über Ökologie und Nachhaltigkeit hinaus. Schönenberger:

«Mit dem Mondholz schaffen wir eine Form von heilender Architektur, die sich positiv auf Heilungsprozesse auswirken kann.»
Sabine Schönenberger
Leiterin Marketing und Kommunikation, Klinik Arlesheim

Dieses umfassende Denken ist typisch für die Anthroposophie mit ihrem integrativen Ansatz. «Unsere Ärztinnen und Ärzte sind alles ausgebildete Schulmediziner und verfügen über Zusatzausbildungen», erklärt Sabine Schönenberger. Zum einen werde die Schulmedizin durch ganzheitliche Methoden ergänzt, zum anderen passe man diagnostische und therapeutische Massnahmen den individuellen Bedürfnissen der Patient*innen an.

Vielfältiges Angebot der Klinik Arlesheim

Für stationäre Patient*innen deckt die Klinik Arlesheim diverse Bereiche ab. So werden nebst einer Akut-Onkologie mit angeschlossener Palliativpflege ebenfalls Kardiologie, Pneumologie oder Gastroenterologie als Schwerpunkte der Allgemeinen Inneren Medizin angeboten. Dazu verfügt die eigenfinanzierte Privatklinik auch über einen Notfall: ein Walk-in 24/7 mit integrierter Überwachungsstation (IMC) und Betreuung rund um die Uhr. Vor Ort versorgt werden akute, internistische Vorfälle wie Herznotfälle, Atembeschwerden, Bauchbeschwerden oder starkes Fieber sowie Entzündungen. Für Notfälle, die eine chirurgische oder intensivmedizinische Versorgung erfordern, arbeitet man mit anderen Spitälern der Region zusammen.

Hauseigene Heilpflanzen

Weitgehend unabhängig ist die Klinik Arlesheim im Normalbetrieb dafür mit ihrer hauseigenen Heilpflanzenproduktion aus dem nach Demeter-Richtlinien betriebenen Pflanzengarten. Der Garten hatte dem Neubau des Heilmittellabors temporär weichen müssen und ist aktuell noch ausquartiert. Ferner sind einige Pflanzen aus befreundeten Institutionen, so etwa aus dem nahen Garten von Weleda. Es werden ebenfalls Pflanzen im Treibhaus angebaut, andere stammen entweder aus den Bergen oder dem Mittelmeerraum.

Gallus Stöckler | Klinik Arlesheim
Apotheker Gallus Stöckler in der hauseigenen und öffentlich zugänglichen Apotheke. Bild: Christian Jaeggi.

Der Anbau sowie die Ernte der Rohstoffe und die Fabrikation der Heilmittel erfolgen nach anthroposophischen Grundsätzen. Von zentraler Bedeutung ist dabei der Jahresablauf. «Wir richten uns nach dem Jahresrhythmus, je nach Pflanzenblüte», erklärt der Apotheker Gallus Stöckler. Er leitete während rund 25 Jahren die hauseigene Apotheke und ist mit der Heilmittelgewinnung der Klinik bestens vertraut.

Dem Jahreskreislauf folgen

Gemäss dem Rhythmus der Natur ernten die Arlesheimer etwa Wurzeln, zum Beispiel Wallwurz, zeitig im Frühjahr nach dem Einwirken der Winterkräfte. Im Frühling, parallel zum Aufsteigen der Säfte in den Bäumen, erfolgt die Rindenernte, beispielsweise bei Eichen- oder Birkenbäumen. Frühjahrsblüher wie der Waldsauerklee finden ebenfalls Verwendung. Mit fortschreitender Zeit kommen Löwenzahn, Brennnessel und Spitzwegerich dazu. Später im Jahr folgen leuchtend orange Blüten der Ringelblume, würzig duftende Schafgarben oder sonnengelbes Johanniskraut. Auch Früchte sind auf der Ernteliste, saure Berberitzenfrüchte ebenso wie mehlige Weissdornbeeren. Mit dem Sammeln der mahagonibraunen Kastaniensamen geht Anfang Oktober das Erntejahr der Klinik zu Ende.

Nicht nur pflanzliche Stoffe für Heilmittel

Gemäss Stöckler steht eine frische und zeitnahe Verarbeitung der Pflanzen im Vordergrund, zuweilen wird aber auch ein Jahresvorrat angelegt. Gallus Stöckler:

«Viele unserer Mittel sind individuell auf den einzelnen Patienten abgestimmt.»
Gallus Stöckler
Apotheker, Klinik Arlesheim

Neben Pflanzen verarbeitet das Heilmittellabor auch tierische Ausgangsstoffe – so etwa Ameisensäure von Waldameisen. «Die Ameise kann so durch ihre Natur bei degenerativen Gelenkerkrankungen hilfreich sein», so Stöckler.

Aber auch Mineralien wie eisenhaltiger Pyrit sowie reine Metalle wie Kupfer, Gold oder auch Eisen finden Verwendung. Gallus Stöckler: «In unserem Besitz befindet sich auch ein echter Meteorit. Daraus werden Potenzen gewonnen, die man etwa bei Eisenmangel und für mehr Vitalität verwendet.» Nach einem sehr häufig verwendeten pflanzlichen Rohstoff befragt, erwähnt Stöckler spontan die Mistel. «Misteln dienen zum Beispiel in der Onkologie.» Die Heilmittelproduktion der Klinik Arlesheim ist so vielfältig wie die Natur selbst.

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