02. Februar 2024

Leistungseinbussen bei Kindern

Leistungseinbussen bei Kindern
Lesezeit ca. 7 min
Die Ursachen für Leistungsstörungen bei Kindern sind sehr breit gefächert.

Manche Kinder und Jugendliche fallen durch Beeinträchtigungen ihrer Leistungsfähigkeit negativ auf. Unterdurchschnittliche Leistungen haben meist verschiedene Ursachen.

Verständnis statt Vorwürfe

Irene Hofmann (Name geändert) staunte während eines Einkaufsbummels nicht schlecht: «Auf der Rolltreppe eines Einkaufcenters kam mir ganz unerwartet meine Tochter entgegen.» Die Mutter hatte geglaubt, die 13-Jährige sei in der Schule, während sich diese in der Einkaufsmeile vergnügte.

Schule schwänzen ist allerdings nicht zwangsläufig ein Ausdruck von Faulheit: Gelegentlich sind erhebliche Schwierigkeiten der Auslöser. Eltern sollten mit Strafen zurückhaltend sein und vielmehr nach den Gründen forschen. Schulsozialarbeiterinnen, Schulpsychologen, Jugendsekretariate, Pro Juventute sowie Mütter- und Väterberatungsstellen können dabei unterstützen.

«Wichtig: Kinder mit Leistungsschwächen benötigen vor allem Verständnis. Vorwürfe dagegen verstärken die Schwierigkeiten häufig, weil sie das ohnehin überforderte Kind zusätzlich unter Druck setzen.»
Adrian Zeller

Mögliche Ursachen für Leistungsstörungen

Die Ursachen für Leistungsstörungen sind sehr breit gefächert.

  • Manche Kinder haben Angst vor der Schule. Sie werden dort massiv über- oder unterfordert, gehänselt, gemobbt oder von Mitschülerinnen und Mitschülern eingeschüchtert – möglicherweise auch auf digitalen Kanälen.
  • Weitere Mädchen und Jungen können sich schlecht konzentrieren; sie lassen sich sehr leicht ablenken. Ihre tiefen Schulnoten sind nicht Ausdruck von mangelnder Intelligenz, sondern von Schwierigkeiten bei der Aufnahme und Wiedergabe von Lerninhalten.
  • Zudem sind Kinder in der Regel leicht zu beeinflussen: Demotiviert durch die negative Einstellung von Mitschülerinnen und Mitschülern, lässt ihre Leistungsdisziplin nach.
  • Einige Kinder gelten als verträumt und verspielt. Nur mit Mühe schaffen sie es, sich dem Stoff in der Schule zu widmen – ihre Interessen sind bei ganz anderen Themen.
  • Eventuell sind sie in ihrer Reife verzögert. Die Wiederholung einer Klasse nimmt unter Umständen etwas Leistungsdruck vom Kind weg und ermöglicht ihm zusätzlichen Zeitraum für die Reife.
  • Eine Reihe weiterer Gründe führt dazu, dass die Schule für Kinder zu einem Ort der Qual wird. Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, Lese- oder Schreibschwäche oder Rechenstörungen vermögen beispielsweise, Lernerfolge zu beeinträchtigen.
  • Bei einigen Kindern zeigt sich die Minderleistung im Turnen. Entsprechende Mädchen und Jungen tun sich etwa mit der Koordination von Bewegungen besonders schwer oder haben Mühe aufgrund ihres Übergewichts.
  • Auch eine über- oder unterdurchschnittliche Intelligenz vermag in Form von Unter- oder Überforderung zu Leistungsstörungen zu führen. Diese können sich auf sämtliche oder lediglich einzelne Fächer auswirken.

Auffälliges Verhalten und Leistungseinbussen

Kinder mit Leistungseinschränkungen fallen oft durch bestimmte Verhaltens­weisen auf: Sie sind für den Schulbesuch und die Hausaufgaben kaum motiviert. Für letztere brauchen sie ungewöhnlich lange und trödeln dabei – es mangelt an Neugier für Lerninhalte. Die Kinder lassen sich sehr leicht ablenken; sie wirken unaufmerksam und eventuell fahrig. Unter Umständen stören sie häufig den Unterricht, etwa durch grosse Unruhe, durch häufige Zwischenrufe oder durch clowneskes Verhalten.

Einige dieser Schüler*innen zeigen zusätzlich Verhaltens­auffälligkeiten wie beispielweise regelmässige Muskel­zuckungen, ausgestossene Laute oder Silben, Daumen­lutschen oder auch Bettnässen. Schlaf- und Appetit­störungen deuten eventuell auf eine erhöhte Stressbelastung hin.

Entwicklungsstörungen und Reifeverzögerungen

Für Leistungseinbussen können laut Fachleuten Störungen und Verzögerungen in der Entwicklung des Gehirns und des Organismus verantwortlich sein – etwa Unterfunktionen von Drüsen; aber auch unentdeckte Einschränkungen des Sehens oder des Hörens. Im Übrigen wirkt auch übermässiger Cannabiskonsum oft leistungsreduzierend. Ebenso zeigen einige Medikamente Nebenwirkungen wie Müdigkeit und einen reduzierten Antrieb.

Belastungen im familiären Umfeld

Weiter sind mögliche Auslöser in der Familie festzustellen: beispielweise massiv überhöhte Leistungserwartungen der Eltern, familiäre Konflikte oder eine schwere Erkrankung eines Elternteils. Chaotische Umstände im Elternhaus ohne geregelten Tagesablauf, ausgewogene Ernährung und fixe Schlafenszeiten wirken ebenfalls leistungshemmend.

Ein weiterer Grund für unterdurchschnittliche Leistungen in der Schule kann auch Überbelastung sein. Zusätzliche Aktivitäten neben der Schule wie Sportclub, Jugendorchester oder der Besuch von Nachhilfelektionen können die Kräfte des Kindes verzetteln. Für eine gute Leistungsfähigkeit ist eine ausgewogene Balance zwischen Anspannung, Entspannung und Erholung sehr wichtig: Kinder brauchen regelmässig Zeit zum Spielen und Herumtollen.

Möglicherweise stecken hinter den Leistungshemmungen auch psychologische Schwierigkeiten wie beispielsweise eine versteckte depressive Erkrankung, ein verstörendes Erlebnis wie ein schwerer Unfall, ständige Streitigkeiten der Eltern oder eine pubertätsbedingte Krise.

Positives Lernklima Zuhause und in der Schule

Die Umstände zu Hause sind wichtig für den Lernerfolg der Kinder. Dazu gehört ein ruhiger, ordentlicher Arbeitsplatz mit guter Beleuchtung für die Hausaufgaben.

Im Weiteren benötigen Mädchen und Jungen einen ruhigen Platz zum Schlafen – ohne störende Geräusche eines TV-Geräts oder anderer Apparate. Für einen erholsamen Schlaf sollte die Temperatur im Kinderzimmer während der Schlafenszeit 16 bis 19 Grad betragen. Vor dem Schlafengehen sollte das Zimmer durch Lüften mit Sauerstoff versorgt werden. Ein bis zwei Stunden zuvor sollten besser keine elektronischen Medien mehr konsumiert werden: Das blaue Licht der digitalen Medien stört den Wach-Schlaf-Rhythmus.

In der Schule können die Lernmethoden zu Problemen führen: Ein zu offener Lernrahmen ist für manche Schülerinnen und Schüler kontraproduktiv. Einige Kinder brauchen enge und klare Strukturen, um Lernerfolge zu erzielen – sie sind mit den modernen Methoden des selbstorganisierten Lernens überfordert. Andere brauchen dagegen Freiräume beim Lernen. Auf Druck reagieren sie mit rebellischem oder verweigerndem Verhalten.

Erfolgserlebnisse steigern Selbstwertgefühl

Bei schulischen Minderleistungen über längere Zeit stellt sich häufig eine Negativspirale ein: Die schlechten Noten untergraben das Selbstwertgefühl des Kindes. Seine Motivation lässt nach. In der Folge bleiben die Noten tief, das Kind verfällt in eine Resignationshaltung und lernt wenig. Es gerät in der Schule oder im Elternhaus in eine Aussenseiterrolle und erhält den Stempel des Problemkindes. Diese Rolle untergräbt das Selbstvertrauen erheblich.

Kinder benötigen Erfolgserlebnisse, um Vertrauen in sich selbst zu entwickeln. Kleine Aufgaben im Haushalt zu erledigen und ein Lob dafür zu erhalten, stärkt das kindliche Selbstwertgefühl.

«Kinder benötigen Wertschätzung, Aufmerksamkeit, Geborgenheit, Toleranz sowie geordnete Strukturen im Alltag als Grundvoraussetzungen für eine gesunde Entfaltung ihrer Persönlichkeit und ihrer Fähigkeiten.»
Adrian Zeller

Eltern sollten gute Leistungen würdigen – auch Leistungsverbesserungen verdienen Lob und Anerkennung. Kinder mit schulischen Schwierigkeiten brauchen besonders viel ermunternde und motivierende Unterstützung durch die Eltern – ihr Selbstvertrauen ist vermindert.