Mistel
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Sie lebt auf Bäumen hoch oben zwischen Himmel und Erde und scheint aus einer anderen Welt zu stammen. Als Heilpflanze nutzt man sie heute vor allem in der Krebstherapie, doch die Mistel (Viscum album), früher auch «Heil-aller-Schäden» genannt, kann noch mehr.

Halbschmarotzer

Im Winterhalbjahr fallen die grünen, kugelförmigen Gebilde in den Bäumen besonders auf. Es sind Misteln, Halbschmarotzer, die den Wirtsbaum anzapfen, um Wasser und darin gelöste Mineralien zu saugen. Ihre Blätter sind spürbar kühler als die Blätter des Wirtsbaumes. Dies beruht auf der intensiven Transpiration, die nötig ist, um genügend Saft aus der Wirtspflanze aufnehmen zu können. Die immergrünen Wesen besitzen aber auch Chlorophyll und betreiben Fotosynthese wie andere Pflanzen. Trotz des Halbschmarotzertums schaden einzelne Misteln dem Baum nicht. Es gibt sogar Hinweise, dass sie den Bäumen helfen, besser mit negativen geopathischen Einflüssen oder Elektrosmog fertig zu werden. Nehmen die Misteln aber überhand, schwächen sie ihren Wirtsbaum und können ihn sogar zum Absterben bringen.

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Auf den Leim gehende Vögel

Botanisch bildeten die Misteln früher eine eigene Familie; heute werden sie den Sandelholzgewächsen zugeordnet. Die hiesige Art gibt es in drei Unterarten: die Laubholz-Mistel (Viscum album album), die Tannen-Mistel (Viscum album abietis) und die Kiefern-Mistel (Viscum album austriacum). Sie sind zweihäusig, es gibt also jeweils männliche und weibliche Mistelpflanzen. Die silbrigweissen Beeren, die wie kleine Monde schimmern, benötigen rund neun Monate zur Reife; sie dienen einigen Vogelarten als willkommenes Winterfutter. Jede der durchscheinenden Beeren beherbergt einen grünen Embryo, der bereits in der Lage ist, Fotosynthese zu betreiben.

«Daneben enthalten die Beeren viel klebrigen, zähen Schleim, der als Leim zum Vogelfang verwendet wurde; daher stammt auch der Name «Viscum» (lateinisch: klebrig).»
Ursula Glauser-Spahni

Die Mistel wächst sehr langsam – einen Gabelspross pro Jahr –, kann aber rund 70 Jahre alt werden und dabei einen Durchmesser von einem Meter erreichen. Der streng geometrische Wuchs verleiht ihr eine erstaunliche Stabilität. Selbst ein Starkwind, der den Wirtsbaum tüchtig durchschüttelt, lässt sie weitgehend unbewegt.

Mystischer Zaubertrank?

Um die aussergewöhnliche Pflanze ranken sich unzählige Legenden. Misteln sollten dort wachsen, wo sich ein Alb, ein Nachtgespenst, ausgeruht hatte. Ein Mistelzweig am Haus oder als Amulett sollte dunkle Mächte fernhalten und Pforten zu anderen Welten öffnen. Da sie zwischen Himmel und Erde lebt, wurde sie stets mit Tod und Wiedergeburt in Verbindung gebracht. In der nordischen Mythologie kam der Lichtgott Baldur durch einen Mistelpfeil ums Leben. Wächst eine Mistel auf Haselstrauch oder Weissdorn, soll darunter ein Schatz zu finden sein. Die Mistel, die sich nicht den Jahreszeiten unterordnet und gar im Winter ihre Früchte trägt, war auch ein Fruchtbarkeitssymbol; sich küssen unter einem Mistelzweig verhiess deshalb Glück und reichen Kindersegen.

Den Kelten war die Mistel heilig, ebenso der Baum, auf dem sie wuchs. Doch die Eichenmistel, mit der Miraculix seinen Zaubertrank abrundete, ist eine andere Pflanzenart: die europäische Riemenblume (Loranthus europaeus). Unsere Mistel (Viscum album) wächst auf vielerlei Bäumen, jedoch weder auf Eichen noch auf Rotbuchen.

Vielseitiges Heilmittel

Seit der Antike wurde die Mistel bei Epilepsie eingesetzt. Aber auch Schwindel, Milz- und Leberleiden, Herz- und Lungenerkrankungen, Nervenleiden, Verdauungsstörungen, chronische Gelenkprobleme, Unfruchtbarkeit der Frau, Blutungen und Wehenschwäche wurden mit Mistelzubereitungen behandelt. Sie galt als Universalheilmittel, das im Körper dort ansetzte, wo das Leiden seinen Ursprung nahm. Das können auch Krankheiten sein, die geopathische Ursachen haben. Mistelkraut wirkt über den Vagusnerv und das endokrine System auf den gesamten Stoffwechsel.

«Die traditionelle Medizin verwendet Kaltauszüge der Mistel zur Harmonisierung des Blutdrucks, bei Kopfschmerzen, Schwindel, als herzstärkendes Mittel und in der Rekonvaleszenz. Die Anwendung von Mistelpräparaten in der Krebsbehandlung entdeckte Rudolf Steiner vor 100 Jahren.»
Ursula Glauser-Spahni

Als Wirkstoffe findet man Lektine, Polypeptide, Phenylpropane, Polysaccharide, Triterpene, Flavonoide, Sterole, Amine. Auf der feinstofflichen Ebene trägt die Mistel stets auch die Energie des Wirtsbaums in sich.

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Die Gemmotherapie verwendet die jungen Sprossen. Das Mazerat ist krampflösend, beruhigend, reguliert den Blutdruck, die Blutfett- und Cholesterinwerte, stärkt den Herzmuskel, tonisiert, ist harntreibend und stoffwechselanregend. So hilft es bei nervösen Herzbeschwerden, Schwindel, Ohrensausen, Migräne, lindert Wechseljahrbeschwerden bei Mann und Frau, aber auch rheumatische Krankheiten. Es baut auf bei Immunschwäche und chronischer Müdigkeit nach einer Infektionskrankheit, hilft bei Stresskrankheiten und lindert Fieberkrämpfe bei Kindern.

Die Mistel, die in ihrem Wachstum kein oben und unten kennt, soll zudem vertikales und horizontales Denken, Intuition und Logik vereinen.