30. März 2022

Eine neue Generation Mann

Eine neue Generation Mann
Lesezeit ca. 6 min

Eine neue Generation junger Männer, die sich und ihre Rolle hinterfragen – und sich explizit für die Anliegen von Frauen einsetzen: das sind die Feministen. Von ihren Geschlechtsgenossen werden sie zum Teil belächelt oder beschimpft. Und längst nicht alle Frauen sind angetan von ihrem Engagement.

Die Mutter von Sasha Rosenstein hat stets hundert Prozent gearbeitet. Er hat feministische Freundinnen. Sein Vater bezeichnet sich als Feminist und besucht Treffen des «Die Feministen» nennt. Kein Wunder also, ist Sasha Rosenstein selbst ein Feminist – sozusagen der oberste Feminist: Er ist Präsi­dent dieses Vereins, der vor rund vier Jahren ge­gründet worden ist und in drei Regionen aktiv ist.

Auch Cesare Macri ist von Frauen beeinflusst worden. «Kolleginnen von mir studierten Soziologie, Gender Studies. Sie sensibilisierten mich für strukturelle Ungleichheiten, die mit dem Geschlecht zu tun haben.»

Offene Atmosphäre

Als schwuler Mann erkennt Cesare Parallelen zur queeren Bewegung: Dass Frauen ebenso zu einer benachteiligten, diskriminierten Min­derheit gehören wie Männer, die erotisch ausserhalb der Norm empfinden. Die Themen an den Treffen sprechen ihn an, zum Beispiel: Männlichkeit und Machismo, Sexismus, Dating, Zärtlichkeit, Transmänner. Und: Dürfen Männer schwach sein? Der Austausch behagt und inspiriert ihn.

Cesare Macri gehört zum achtköpfigen Vorstand des Vereins. Als 35-Jähriger gehört der Filmemacher bereits zum eher älteren Segment der rund zweihundert Mitglieder. «Die meisten sind Mitte zwanzig, viele studieren noch.» Ihm behagt die offene Atmosphäre. «Ob man hetero, schwul, bisexuell, trans, nicht-binär ist: Das ist nicht wichtig», sagt Cesare Macri. «Uns verbindet die Überzeugung, dass Männlichkeit und Weiblichkeit gesellschaftliche Konstrukte sind, denen wir kritisch gegenüberstehen.

«Wir verstehen Feminismus als kritische Auseinandersetzung mit Geschlecht und Gender. Darum wollen wir in erster Linie Männer für die Gleichstellung aller Geschlechter und Geschlechtsidentitäten sensibilisieren und mobilisieren.»
Cesare Macri
Vorstandsmitglied des Vereins «Die Feministen»

Den Vortritt lassen

Was theoretisch klingt, versucht Cesare Macri  im Alltag umzusetzen. «Lässt jemand einen sexistischen Spruch fallen, lasse ich das nicht unwidersprochen. Oder sind Frauen im Raum, lasse ich ihnen den Vortritt, wenn es darum geht, die Meinung zu äussern. Oft werden Männer mehr wahrgenommen als Frauen, weil sie Männer sind.» Überhaupt scheinen sich die Feministen zurückzuhalten: Man will den Frauen nicht ins Gehege kommen, sie nicht bevormunden. Bei Events wie dem Tag der Frauen, bei Frauenstreiks oder bei Diskussionsrunden zu feministischen Themen sollen die Frauen im Vordergrund stehen. Die Männer organisieren im Hintergrund oder füttern wie Cesare Macri mit Fotos, Videos und Posts die diversen Kanäle von Social Media.

Andere Feministen betrachten es als selbstverständlichen Beitrag, ihre Kinder regelmässig zu betreuen, ohne sich als Superdaddys feiern zu lassen. Zwar sympathisiert die Hälfte der Männer unter fünfunddreissig mit feministischen Anliegen. Das hat kürzlich eine Studie ergeben, bei der knapp 1400 Männer aus der Deutschschweiz befragt wurden.

Die Zuschreibung, ein Feminist zu sein, teilt nur noch jeder fünfte Senior. Aus dieser Gruppe kommt Gegenwind. «Hie und da werden wir beschimpft: Wir seien Waschlappen und würden uns von den Frauen vereinnahmen lassen», sagt Cesare Macri. «Diesem Unmut wird anonym Luft verschafft.» Cesare Macri rechnet damit, dass sich das ändert, wenn sich die Feministen vermehrt nach aussen wenden: an die Schulen gehen, öffentliche Podien veranstalten. «Zurzeit sind wir meist noch in einer Bubble, unter Gleichgesinnten. Aber wir haben vor, uns vermehrt zu exponieren.»

Gefühle zulassen

Kritiker monieren, dass Männer nicht lediglich die Unterdrücker sind, die Patriarchen, die mit toxischer Männlichkeit auffallen – sondern, dass es auch Bedarf gebe, sich für die Interessen von Männern zu engagieren: mehr Teilzeitarbeit ermöglichen. Sich für das erweiterte Sorgerecht von Kindern geschiedener Männer einsetzen. Mehr Vaterschaftsurlaub.

Cesare Macri, fotografiert von Manuel Merkofer
Cesare Macri, fotografiert von Manuel Merkofer

«Indem ich mich für die Anliegen von Frauen einsetze», entgegnet Cesare Macri, «engagiere ich mich auch für die Männer. Dass sie lernen, auf sich zu achten, sich Sorge zu tragen, Gefühle anzunehmen. Sich ver­meintlich schwach zu zeigen: indem sie auch schwierige Gefühle zulassen. Dass sie bewusst ihre Rolle wählen und sie gestalten: ob man mehr Wochenendpapa und klassischer Ernährer oder Hausmann und Betreuer ist oder eine Mischform wählt.»

Pioniere als Sprachrohr

Für diese Fragen offen ist auch der Aargauer SP-Nationalrat Cédric Wermuth. «Ich bezeichne mich schon lange als Feministen. Und meine das auch ernst.» Das sagte er nach einer Parteiversammlung. Unmittelbar nachdem ihn seine Aargauer Partei als Ständeratskandidaten nominiert – ihn einer Frau vorgezogen hatte.

Ebenso ein wichtiges Thema ist Gleich­stellung für Roland Inauen: Den Innerrhoder Politiker stört es, dass Frauen nur einen Fünftel der Sitze im Kantonsparlament belegen. Zudem war er seinerzeit an der Appenzeller Landsgemeinde einer der wenigen Männer, welche die Hände verwarfen, als den Frauen das Stimm- und Wahlrecht erneut vorenthalten wurde. «Das darf doch nicht wahr sein», sagt Roland Inauen in einem Inter­view, «habe ich damals gedacht. Dass wir das nicht zustande bringen.» Damals war Roland Inauen Mitte dreissig und arbeitete als Ethnologe an der Universität Basel. Seine Sympathien für die Anliegen von Frauen haben ihren Ursprung darin, dass er dort im Austausch mit feministischen Kolleginnen war. Trotzdem: Er bezeichnet sich auch heute nicht als Feministen.

Zwischentöne

Das taten wohl auch die beiden Nationalräte nicht, die 1919 parallel zwei Vorstösse zur politischen Gleichberechtigung der Frauen einreichten. Damals fungierten sie eher als deren Sprachrohr. Mehr als fünfzig Jahre dauerte es, bis die politischen Grundrechte auch den Frauen zugestanden wurden. Eine der letzten Männerbastionen war der Heimatkanton von Roland Inauen: Noch 1991 stemmten sich die Appenzeller Männer dagegen.

«Feministen gibt es, seit Frauen Gleich­berechtigung anstreben. Dass sich Männer als Feministen bezeichnen und identifizieren, ist neu.»
Marcel Friedli

Es sind vor allem die jüngeren Männer – die thematisch breiter aufgestellt sind – offen für Zwischentöne im Rollenbild und in den Geschlechtsidentitäten.

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Frauenstreik vom 14. Juni 2020, Lausanne/Vaud