19. Oktober 2019

Wunderwerk Rücken

Wunderwerk Rücken
Lesezeit ca. 4 min

Vier von fünf Menschen klagen im Laufe des Lebens über Rückenschmerzen. Der Schmerz zieht sich durch alle Altersgruppen und sozialen Schichten. Wer beispielsweise darauf tippt, dass körperlich schwere Arbeit häufiger Rückenschmerzen verursacht als Büroarbeit, liegt falsch.

Zwei Arten von Rückenschmerzen

Stabil und doch flexibel – hart und doch nachgiebig: Unser Rücken ist ein Wunder an Perfektion. Und trotzdem hoch sensibel. Nahezu 90 Prozent aller Schweizer klagen irgendwann in ihrem Leben über Rückenschmerzen. Meist vergeht der Schmerz innerhalb weniger Tage von alleine. Doch nicht immer, weil die Ursachen vielfältig sind und oft nur durch entsprechende ärztliche Befragung, Untersuchungen und Abklärungen weiter eingegrenzt werden können.

Unterschieden werden zwei Arten von Rückenschmerzen: Bei Überbelastung von Muskeln, Sehnen und Bändern sind sie unspezifisch; entstehen die Schmerzen durch Erkrankungen der Wirbelsäule oder andere Krankheiten, sind sie spezifisch.

Eine stark belastete Achse

Die Wirbelsäule verbindet den Rücken mit den Armen, den Beinen und dem Kopf und sorgt für eine grosse Stabilität trotz grosser Beweglichkeit. Sie besteht aus Wirbelkörpern, zwischen denen die Bandscheiben elastische Puffer bilden, und ermöglicht Menschen den aufrechten Gang. Für zusätzliche Stabilität sorgen Sehnen, Bänder und Muskeln.

Oftmals entstehen Spannungen und Verhärtungen in ganzen Muskelgruppen infolge Bewegungsmangel und Fehlbelastung, wobei sich insbesondere zwei Bereiche lokalisieren lassen: Am häufigsten sind Schmerzen in der Lendenwirbelsäule (70 Prozent), gefolgt von Schmerzen in der Halswirbelsäule (25 Prozent).

Der Schmerz kann chronisch werden

Bei akuten Schmerzen, die ein bis drei Monate dauern, kann der Schmerz oftmals auch ohne Behandlung verschwinden. Aufwendiger in Diagnostik und Therapie wird es, wenn der Schmerz mehr als drei Monate andauert oder in Intervallen wiederkehrt. Mediziner sprechen dann von chronischem und nicht mehr vom akuten Schmerz.

Bildgebende Untersuchungen wie Röntgen, CT oder MRI können die Diagnostik unterstützen. Aber nicht immer widerspiegeln diese Befunde die eigentliche Ursache: Da kann beispielsweise im Röntgenbild an Wirbeln eine starke Abnützung sichtbar sein, ohne dass diese Schmerzen verursacht.

Therapiemöglichkeiten

Jeder Mensch ist individuell, dementsprechend werden vom Fachpersonal Behandlungen ausgesucht, die zum Rückenpatienten passen: Beispielsweise Krafttraining an Geräten; Elektrotherapie, um Verspannungen entlang blockierter Strukturen zu lösen oder aktive Bewegungen, die der Physiotherapeut vorgibt.
Häufig kombinieren die Patientinnen und Patienten weitere Therapien dazu wie Akupunktur, Massagen oder ein Bewegungstraining wie Yoga, Pilates oder Tai-Chi. Allerdings sollte nicht alles auf einmal ausprobiert werden. Wichtig ist, auf welche Behandlung der Patient anspricht – sonst werden keine Fortschritte erzielt.

Gedankliche und körperliche Übung

Die bekannte Alexander-Technik besteht aus einfachen, meditativen Übungen, die man problemlos zu Hause oder auch am Arbeitsplatz machen kann. Diese Körpertherapie hilft, schädigende Bewegungsmuster zu erkennen und zu verändern. Es geht vor allem darum, das Bewegungsverhalten mit der Vorstellungskraft zu steuern. Damit können Verspannungen im Rücken gelockert und dadurch Beschwerden gelindert werden.

Eine vor sieben Jahren veröffentlichte Studie mit 670 Patienten beweist, dass diese Technik Schmerzen wirksam bekämpft. Teilnehmer mit chronischen Rückenschmerzen, die Alexander-Technik-Lektionen absolvierten, hatten (laut einem Pressebericht) nach einem Jahr nur noch an drei Tagen Beschwerden; 18 Tage weniger als Personen, denen ein Arzt Schmerzmittel, Physiotherapie oder eine Operation verordnete.

Sich selber Gutes tun

Allerdings kennen Ärzte heute Risikofaktoren, welche die Gefahr einer Chronifizierung erhöhen: Rauchen, Alkohol, Drogen, Probleme im privaten und beruflichen Bereich, Depressionen, Stress, krampfhaftes Durchhalten. Nicht umsonst gibt es die Sprichworte «Uns sitzt die Angst im Nacken» oder «Wir neigen dazu, uns zu viel aufzuhalsen.» Damit es gar nicht so weit kommt, sollte mit dem eigenen Körper sorgfältig umgegangen werden: Schmerz ist primär ein Warnsignal!