08. Oktober 2018

Schreckensbilder – wofür?

Schreckensbilder – wofür?
Lesezeit ca. 10 min

Um Menschen zu bestimmtem Verhalten zu bringen oder von gewissem Verhalten abzuhalten, wurde schon immer mit Erschrecken und mit Verlockung vorgegangen. Dabei sind die unbedachten, verstörenden Nebenwirkungen aber oft grösser als der Nutzen, so er denn überhaupt eintritt.

Kinder als Nebenkonsumenten

In der Gesundheitspropaganda – zum Beispiel gegen Tabak – wird in ganz Europa vor dem Konsum gewarnt – mit ekligen Darstellungen von zerstörten Organen. Auf den Verpackungen wird den Konsumenten nicht nur mit Worten der Tod angedroht. Grausliche Bilder sollen abschreckend wirken und die Raucher*innen von ihrem Tun abbringen.

Nun liegt so ein scheussliches Päcklein auf dem Salontisch und kleine Kinder schauen sich das an. Ich kann nur hoffen, sie können die Bilder nicht entziffern. Vielleicht erkennen auch viele Erwachsene die Fotos der Geschwülste nicht als Abbild zerstörter innerer Organe. Dann allerdings wäre die Kampagne vollends sinnlos und am Zweck vorbei. Aber deshalb sind sie noch keineswegs wirkungslos. Auch unverstanden strahlen sie emotional Abscheu aus.

Öffentliche Werbung jeder Art, die nicht strikt an bestimmte Adressaten verschickt wird, kann nicht auswählen, wer sie sieht und wen sie beeindruckt. So verstehen Kinder also doch, dass dieses Paket gefährlich ist. Und sie machen sich ihre Gedanken: Warum ist die Mutter bereit, so abscheuliches Zeug zu sich zu nehmen und sich gar den Tod zu holen? Warum kann der Vater nicht davon lassen, sich selber zu zerstören? Dass wohl die meisten Kinder ihre Eltern solches kaum fragen, heisst nicht, dass sie nichts gemerkt und nichts dabei gefühlt hätten.

Schreckensbilder – wofür?

Wessen Nutzen?

Nichts gegen die Bekanntmachung der wissenschaftlichen Resultate, dass Rauchen tatsächlich massiv erhöhte Gesundheitsprobleme verursacht. Aber braucht es dazu diese Bilder?

Die Abgebrühten, die auch mit Vergnügen in die Geisterbahn gehen und Horrorfilme ansehen, wird es mehr amüsieren. Aber ist eine amtlich verordnete Geisterbahn im heimeligen Wohnbereich sinnvoll? Immerhin gibt es sie noch, die sensibleren Kinder und die Achtsamen, denen diese Bilder nicht Vergnügen, sondern Angst einjagen. Und wie böse oder gleichgültig müssen Eltern sein, die nicht nur sich selber, sondern auch ihre Kinder dieser Gefahr aussetzen? Gibt es einen vertretbaren Nutzen der Schreckensbilder, der ihren Schaden aufwiegt?

Haupterfolg von Kampagnen mit Abschreckungshorror ist wohl Desensibilisierung der Keckeren und Verschüchterung der Sorgsameren. «Man muss das eben nicht ernst nehmen, alles wird ein bisschen übertrieben und möglichst schlimm dargestellt. Wer getraut sich hinzuschauen, hahaha?!» – «Wie bedrohlich ist das Leben und wie (zu) sorglos meine Eltern?»

Letztlich leidet – durch die übertrieben drastische Dramatik – bei den einen die Glaubwürdigkeit der Warner. Bei den andern schürt sie Lebenskraft mindernde Ägste. Diese Art der Aufklärung über hunderte von Gefährdungen dürfte auch viele Ängste schüren, die zu hypochondrischer (übermässig auf Krankheitssymptome gerichtete) Selbstbeobachtung führt, unter der unser ganzes Gesundheitssystem leidet.

Gleichgültigkeit

Der Trend zu Übertreibung und Dramatik beschränkt sich nicht auf die staatliche «Fürsorge». Auch viele Kampagnen – vom Tierschutz bis zu Flüchtlingen – arbeiten mit Schreckensbildern und wollen dadurch aufrütteln. Offenbar rentiert den Spendensammlern das Erzeugen von Verstörung. Sind solche Bilder aber gute Orientierungshilfen für unsere Kinder, wie sie die Welt sehen lernen? Ist alles so schrecklich, wie überall abgebildet und berichtet wird?

«Mit der Überflutung von Droh- und Leidensbildern wächst die Gefahr der Abstumpfung, vielleicht gar des Zynismus.»
Dr. phil. Rudolf Buchmann

Was geht es uns an? Sind wir schuld am Elend? Können wir was dagegen tun? Geld wurde schon in gigantischen Grössen eingesetzt, aber die Schreckensbilder bleiben. Hat da das ganze Helfen überhaupt einen Sinn?

Schwarze Pädagogik

In den 1980ern setzten sich Erziehungswissenschaft und pädagogische Geschichtsforschung mit den Erziehungsmethoden des 19. und frühen 20. Jahrhunderts auseinander. Es gab in jener Zeit verschiedene Strömungen. Eine davon arbeitete hauptsächlich mit Angst, Härte, Abschreckung und Strafandrohung. Die zu Tage geförderten Praktiken waren oft brutal, manchmal grausam und jedenfalls angstbesessen. Deshalb erhielt die Geisteshaltung dieser Erziehungslehren und -praktiken den Namen «schwarze Pädagogik». (Sie gilt auch als eine der Wegbereiter der Nazi-Herrschaft). Man glaubte unter modernen Pädagogen, diese Geisteshaltung sei ein für alle mal überwunden. In den Kampagnen sehe ich sie aber wieder salonfähig werden.

«Die Folgen der schwarzen Pädagogik sind: Negativ gefärbte Erwartungshaltungen, wenig Sinn für Eigenverantwortung und generell eher misanthropische Einstellungen (jeder Mensch ist des nächsten Feind, "Homo homini lupus").»
Dr. phil. Rudolf Buchmann

Also wird kaum Vertrauen ins Gemeinschaftliche und in Mitmenschen gesät. Hinter der patriarchalen Fürsorge steht dieselbe Geisteshaltung: Der Mensch ist ein Egoist, er sucht nur den eigenen Vorteil; und lässt sich nur dadurch von rücksichtslosem Eigennutz abhalten, dass er einen Mächtigeren (z. B. den Tod) wirklich fürchten muss.

Versagen dieser Theorie

Wir wissen allerdings auch, dass selbst unter dieser Vorstellung die Macht der Schreckensherrschaft dort endet, wo sich Menschen von Drohungen und Schmerz nicht mehr imponieren lassen – seien das zum Beispiel die sogenannt «schwer Erziehbaren», seien das überzeugte Widerstandskämpfer. Und auch bei Märtyrern endet ja die Macht der Mächtigen.

So ist es auch bei vielen Jugendlichen: Gesundheitskampagnen mit Schreckensbildern und Todesdrohungen laufen bei ihnen bestenfalls ins Leere, schlimmstenfalls verführen sie diese zu gesundheits­schädigendem Verhalten. Viele Jugendliche durchlaufen Phasen der Todessehnsucht, wenn nicht gar suizidaler Phantasien. Etliche beschäftigen sich mit der Idee, gar nicht älter als 30 werden zu wollen.

Schreckensbilder – wofür?

Was bedeutet nun der Satz auf dem Paket: «Rauchen tötet»? Erstens wissen Jugendliche, dass es nicht unmittelbar wahr ist. Auf lange Sicht vielleicht. Aber interessiert sie die lange Sicht? Zweitens können sie sich sagen, wenn ich sowieso sterben respektive nicht alt werden will, dann wenigstens mit Genuss. Ich habe den Eindruck, die Werbe­berater*innen solcher Kampagnen sind einer unzulänglichen Theorie aufgesessen. Das könnte für viele ihrer Adressaten sogar tödlich enden.

Motivationslehre

Hinter ihrem Denken steht ein bestimmtes Welt- und Menschenbild: Die Vorstellung lautet, dass Menschen innerlich gesteuert werden. Sie sind getrieben – von Begierden, Lust, Genuss etc. Wenn ihnen nichts entgegentritt, setzen sich diese Triebe durch. Drohung und Schmerz sind Mittel, welche die Triebe stoppen. Ist die Angst, Schaden zu erleiden, grösser als der persönlich zu erwartende Gewinn, lässt man es bleiben. Diese Lehre ist nicht einfach falsch. Katastrophal wird sie erst, wenn sie absolut gesetzt wird – als einzige, wirklich funktionierende Motivationsmechanik. In dieser Mechanik kommt Schreckensbildern «natürlich» eine zentrale Bedeutung zu. In der Theorie ist deren Erfolg logisch! Durch einige psychologische Experimente wird die These sogar erhärtet.

Dennoch entspricht sie nicht der Lebenserfahrung. Experimente sind notwendigerweise zu eng angelegt; denn Leben ist immer von bedeutend mehr Einflüssen geprägt, als sie in der künstlichen Situation eines Experimentes auftauchen.

«Zwei mächtige Wirkfaktoren werden übersehen: Die Macht der Liebe und die Kraft der Hoffnung.»
Dr. phil. Rudolf Buchmann

Diese müssen in jedem Experiment ausgeblendet werden; denn nur Gier und Angst sind verfahrenstechnisch kontrollierbar, Beziehungskräfte hingegen nicht.

Die Kraft der Liebe

Auch wenn kein experimenteller Beweis vorliegt: Jeder, der Kinder hat, weiss, dass sie auch bald einmal bereit sind, aus Liebe zu verzichten. Und sie haben das nicht gelernt, sondern leben diese Liebe von sich aus. Auch beobachten wir, dass es ihnen Freude bereitet, die glücklich zu sehen, die sie lieben (eine starke Motivationskraft); dass sie (wenn auch nicht immer) ohne Belohnung hilfsbereit sind; dass es Freundschaft als Kraft zu handeln (Motivationskraft) gibt.

Dies geschieht vielleicht nicht im Labor, aber im Leben. Es ist geradezu primitiv, zum Beispiel Freundschaft nur unter dem Aspekt zu verstehen, dass man dann ein andermal selber davon profitieren könnte. Natürlich gibt es berechnende Freundschaften. Dass dies möglich ist, rechtfertigt aber nicht, all diese Empfindungen unter den Verdacht des Selbstbezuges zu stellen, oder gar zu behaupten, das andere gebe es nicht! Unter diesem Aspekt sind die  Kampagnen­leiter*innen der Verkehrserziehung offenbar besser beraten, wenn sie das Helmtragen für Motorradfahrer mit dem Kind oder dem Ehepartner zuhause begründen.

Schreckensbilder – wofür?

Hoffnung und Perspektiven

Was alle Menschen brauchen, Jugendliche aber ganz besonders, sind positive Perspektiven

«Hoffnung, dass sie gebraucht werden, Hoffnung, dass sie und wir auch etwas erreichen können, wenn wir uns einsetzen. Schreckensbilder lähmen: Auch wenn sie aufrütteln, wissen wir noch lange nicht, was wir tun können.»
Dr. phil. Rudolf Buchmann

Aber das Wecken von schlechtem Gewissen öffnet allem Anschein nach die Geldbeutel. Ohne Perspektive (Hoffnung), was wir selber tun können, verbessern die «Bilder vom Elend dieser Welt» die seelische Lage der Betrachter ebenso wenig, wie sie Gutes bewirken. Gerade auch Jugendliche werden sich als blosse Almosenspendende und angstgesteuerte Gefahrenvermeidende nicht gut fühlen (und schon gar nicht als ausgebeutete Opfer der Eltern-und Grosselterngeneration). Sie brauchen Bilder (und praktisch erreichbare Angebote), wo sie sich einsetzen können. Sie brauchen Beispiele, wo es in der Welt dank Einsatz besser geht. Sie brauchen Anleitung, wie sie für sich selber und für ihre Freunde gesund leben können (ohne dass dies mehr kostet als sie verdienen).

Diese Initiativen und Gruppen gibt es auch. Reden wir von ihnen und lassen die Schreckensbilderpädagogik aus einem ziemlich dunklen Jahrhundert in ihr wohlverdientes Grab sinken.