30. Juni 2022

Selbstbehauptung wirkt schützend

Selbstbehauptung wirkt schützend
Lesezeit ca. 7 min

Aggressionen haben ein sehr schlechtes Image. Doch sie sind nicht grundsätzlich negativ, sie können auch dem eigenen Schutz dienen.

Richtige Dosierung

In manchen Situationen muss man Grenzen setzen: Zum Beispiel, wenn Nachbarn nach Mitternacht lautstark eine Geburtstagsparty feiern und einem den Schlaf rauben; wenn hartnäckige Telefonverkäufer sich nicht abwimmeln lassen; wenn Rüpel sich in einer Warteschlange rücksichtslos vordrängen – die Liste liesse sich erheblich verlängern. Gelegentlich ist es unumgänglich, dass man sich zu Wehr setzt. Aggressionen sind für die Selbstbehauptung im zwischenmenschlichen Bereich unerlässlich.

Der springende Punkt ist ihre angemessene Dosierung. Übersteigerte Aggressionen können andere Menschen unnötig psychisch und auch körperlich schwer verletzen. Betrübliches Beispiel: Gemäss Statistik werden in der Schweiz pro Jahr rund 20000 Fälle von häuslicher Gewalt registriert; die Dunkelziffer dürfte höher liegen.

Aggressionen sind Medaillen mit zwei Seiten: Konstruktiv eingesetzt, schützen sie die eigenen Grenzen und bewahren vor Schäden. Sie verhindern, dass jemand zum hilflosen Spielball der Interessen anderer wird und ständig Nachteile erleidet. Im ungünstigen Fall werden Menschen, die häufig aufbrausend und ungehalten reagieren, zum permanenten Angstfaktor für ihre Umgebung.

Aggressionen verhelfen zur Selbstständigkeit

Manche Menschen unterdrücken jeden aggressiven Impuls in sich selbst.

«Als Kleinkinder haben sie durch Erziehung womöglich verinnerlicht, dass trotzige und ungehorsame Kinder nicht liebenswert sind. Als Erwachsene ist dieses unbewusste Verhaltensmuster noch immer aktiv, es kann für die entsprechende Person sehr schädlich sein.»
Adrian Zeller

Menschen mit blockierten Aggressionen werden leicht zu Opfern anderer. Wer nicht standhaft für seine eigenen Bedürfnisse einstehen kann, wird womöglich ständig ausgenutzt oder muss sich verletzende Kommentare anhören. Wer sich gegen Übergriffe nicht wehren kann, empfindet Gefühle der Ohnmacht. Dies wiederum nagt am Selbstwertgefühl.

Es gehört zu einer gesunden Persönlichkeitsentwicklung, zu lernen, mit den eigenen Aggressionen umzugehen. Um als Gemeinschaft verhältnismässig friedlich zusammenleben zu können, lernen Kinder, ihre aggressiven Impulse zu kontrollieren. Andernfalls gäbe es beim Streit um Spielzeug im Sandkasten ständig Schrammen und Beulen. In der kleinkindlichen Trotzphase sowie in der Pubertät entwickeln Mädchen und Buben mit widerspenstigem Verhalten ein Stück Autonomie, um so eigenständiger und von ihren Eltern unabhängiger zu werden.

Im Weiteren sichern sich Kinder in einer gesunden Entwicklung mittels kämpferischem Verhalten ihre Position unter den Geschwistern, in der Schulklasse sowie in der Fussballmannschaft. Wer sich nicht für seine Bedürfnisse einsetzt, landet in der Rangordnung auf dem letzten Platz.

«Aggressionen sind in den meisten Fällen eine gesunde Reaktion auf einen unangenehmen Reiz, auf Demütigung, Unverschämtheit, Überforderung, Benachteiligung und auf grossen Stress.»
Adrian Zeller

Sich unmissverständlich ausdrücken

Manche Menschen tun sich schwer damit, mit ihren kämpferischen Emotionen angemessen umzugehen. Wenn sich Aggressionen aufstauen, können sie sich scheinbar plötzlich mit Vorwürfen und Beleidigungen Luft verschaffen. Meist sind es Alltagssituation, die zu Auseinandersetzungen führen. Derartige Konflikte verschärfen sich oft durch eine unpräzise Kommunikation.

Ein einfaches Beispiel: Eine Frau bittet ihren Partner, den vollen Kehrichtsack zum Container zu bringen. Sie hätte gerne, dass er dieser Aufforderung sogleich nachkommt. Weil sie dies nicht ausdrücklich erwähnt, geht er davon aus, er könne dies auch später erledigen. Er liest weiter in seiner Zeitung. Sie ärgert sich, weil er ihrem Wunsch nicht nachkommt und macht ihm Vorwürfe. Sie hat den Eindruck, ihre Bitte sei ihm gleichgültig. Er seinerseits reagiert gereizt, weil er ihre Kritik für ungerechtfertigt hält. Er wollte die Zeitung zu Ende lesen und dann den Kehricht wegbringen. Wenn sie ihn aufgefordert hätte, den Abfallsack sogleich zu entsorgen, wäre das Missverständnis nicht entstanden. Er hätte den Wunsch umgehend ausführen oder ihr mitteilen können, dass er ihm nach Abschluss der Zeitungslektüre nachkommt.

Wie diese Situation zeigt, entstehen Konflikte häufig durch Missverständnisse und auch durch widersprüchliche Signale. Ein Vorgesetzter bittet eine Mitarbeiterin am Feierabend etwas länger zu bleiben und eine dringende Arbeit fertigzustellen. Er fragt: «Es macht ihnen doch nichts aus?» Sie antwortet: «Nein, nein.» Ihre Stimmlage drückt jedoch Verärgerung aus. Hätte sie ihm mitgeteilt, dass durch die Überstunden der Kinobesuch mit ihrer Freundin hinfällig wird, hätte er entsprechend reagieren können. Nun nimmt er lediglich ihr Missfallen wahr, kennt aber dessen Grund nicht. Um zwischenmenschliche Spannungen zu verringern, ist eine sorgfältige Kommunikation wichtig.

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Angriffsverhalten reduzieren

In Partnerschaften, in Familien, unter Arbeitskollegen, in Vereinen sowie unter Nachbarn steigert sich feindseliges Verhalten meistens stufenweise; sehr selten eskalieren Konflikte ohne jegliche Vorzeichen. Ein gereizter Tonfall, eine spitze Bemerkung, offen oder versteckt geäusserte Vorwürfe oder auch sabotierendes Verhalten sind erste Signale von schwelenden Spannungen. Um einer Steigerung des Konflikts entgegenzuwirken, müssen in diesem Stadium die Weichen richtig gestellt werden. Unter dem Einfluss von Aggressionen decken sich meistens beide Seiten mit Vorwürfen ein. Auf diese Weise schaukelt sich die Auseinandersetzung hoch, bis hin zu einer Verhärtung der Fronten. Ist dieser Punkt erreicht, wird es sehr herausfordernd, eine versöhnliche Annäherung zu erreichen.

Wenn man dagegen frühzeitig eigene Wünsche oder auch Forderungen äussert, legt man den eigenen Standpunkt fest, ohne die andere Person zu verletzten.

Dies kann etwa so klingen: «Du bittest mich immer wieder um Unterstützung bei Deiner Arbeit. Ich erwarte, dass auch Du mir zur Hand gehst.» Diese Aussage erzielt eine andere Wirkung als der Vorwurf: «Du nützt mich aus, immer wieder soll ich Dir bei der Arbeit helfen, aber Du revanchierst Dich nie.» Die so angegriffene Person wird zu einem Gegenangriff ansetzen oder den Vorwurf herunterspielen. Eine Verbesserung der Situation wird sich so kaum ergeben. Den eigenen Standpunkt sachlich und unmissverständlich zu äussern, ist ein wichtiger Schritt zu einer konstruktiven Lösung eines Konflikts. Dagegen giessen Rachegedanken Öl ins Feuer.

Klare Grenzen und Verständnis

Im Weiteren hilft es, wenn man klare Grenzen setzt.

«Ich will nicht, dass Du in einem so herablassenden Ton mit mir sprichst», kann etwa eine klare Stellungnahme lauten. Ein Positionsbezug kann auch lauten: «Ich nehme Deine Argumente zur Kenntnis, aber ich teile sie nicht.» In Konflikten versuchen sich die Kontrahenten oft gegenseitig von ihrer Sicht der Wahrheit zu überzeugen.

Rechthaberische Auseinandersetzungen sind allerdings kaum zielführend. Besser ist es, dem Gegenüber zu vermitteln, dass man seine Perspektive der Situation anerkennt; deshalb muss man sie nicht teilen.

Auf diese Weise vermittelt man dem Gegenüber nicht den Eindruck, es sei im Unrecht. Dies würde den Konflikt unweigerlich anheizen.

Nicht alle Meinungsverschiedenheiten lassen sich friedlich beilegen. Gelegentlich ist es am vorteilhaftesten, ein Wortgefecht abzubrechen und einige Tage verstreichen zu lassen. Allenfalls kann ein Spaziergang oder eine Walking- oder Joggingrunde die Gemütsaufwallung wieder besänftigen. Zu einem späteren Zeitpunkt kann man das Gespräch erneut auf einer sachlicheren und konstruktiveren Ebene aufnehmen.