30. März 2022

Sich wehren im Alter gegen Übergriffe und Gewalt

Sich wehren im Alter gegen Übergriffe und Gewalt
Lesezeit ca. 5 min

Unsicherheit und Angst angesichts einer oft als bedrohlich wahrgenommenen Umwelt und fehlendes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten sind leider Gefühle, welche Seniorinnen und Senioren nur allzu gut kennen: Selbstschutz ist angesagt!

Selbstschutz für jede*n

Das Wichtigste vorweg: Jede*r sollte sich verteidigen, wenn sie/er in eine unangemessene Situation kommt. Natürlich ist ein wenig Vorbereitung hilfreich: beispielsweise damit Betroffene in einer Notsituation nicht in Schockstarre verfallen und einfach alles über sich ergehen lassen. Auch ist es nicht immer ratsam, die Konfrontation zu riskieren: sich – zum Beispiel – ausrauben zu lassen, dafür jedoch körperlich unversehrt zu bleiben. Selbstschutz ist also situationsabhängig.

Jedoch ist Selbstverteidigung in manchen Situationen die letzte Option, und wenn diese angewandt werden muss, sollte sie auch effektiv ausgeführt werden. Natürlich schränkt die körperliche Fitness ein, dennoch sind Grundkenntnisse in einer Selbstverteidigungsart nicht verkehrt, um sich bei Übergriffen wehren zu können.

Gewalt gegen Seniorinnen und Senioren

Gewalt und Übergriffe gegen Seniorinnen und Senioren – egal ob verbale, körperliche, sexualisierte oder psychische – sind leider nahezu alltäglich. Sich in einer Gefahrensituation verbal und körperlich wehren zu können und gleichzeitig aus der Opferrolle herauszukommen, ist unter anderem auch das Ziel der landläufigen Selbstverteidigungskurse. Die Kurse zeigen älteren Menschen Wege auf, wie sie sich mit wenig Kraftaufwand zur Wehr setzen können.

Eine Frage der körperlichen Verfassung

Solange diese noch in der Lage sind, sich vernünftig zu bewegen und selbst zu versorgen, können solche Kurse durchaus hilfreich sein. Als Beispiel: ein 65-jähriger ehemaliger Bankangestellter und ein 85-jähriger ehemaliger Bauarbeiter mit Parkinson; der Bankangestellte könnte eventuell noch in einen Kampfsportverein eintreten, während der Bauarbeiter wahrscheinlich bereits Pflegeleistungen erhält. Also spielen Alter und Verfassung eine zentrale Rolle.

Gerade wenn der eigene Körper nachlässt, neigen viele Menschen dazu, ihre Wehrhaftigkeit mit Hilfsmitteln wiederherstellen zu wollen. Selbstverteidigungswaffen können hierbei eine Hilfe sein, stellen aber im rechtlichen Sinne wie auch für den Selbstschutz eine Gefahr dar. Besonders bei körperlicher Unterlegenheit steigt die Gefahr, durch Entwaffnung selbst mit der Waffe angegriffen zu werden.

Ergibt es überhaupt Sinn, Seniorinnen und Senioren Grundkenntnisse der Selbstverteidigung  beizubringen? Diese Frage kann wie folgt beantwortet werden: Es kommt ganz auf die körperliche Verfassung des Einzelnen an. Ein gewisser Anteil an Körperkraft sollte schon vorhanden sein, da jede Form der körperlichen Gegenwehr Anstrengung vor­aus­setzt.

shutterstock_2119153730

Selbstverteidigungskurs bringt Vorteile

Nach Meinung von Fachleuten gibt es ausreichende Argumente für ein klares Ja! So kann die Selbstverteidigung zum Beispiel die Fitness der Kursteilnehmer*innen steigern.

«Ziel ist vor allem die Stärkung des Selbstbewusstseins sowie die Fähigkeit, sich alltäglichen Belästigungen, Grenzüberschreitungen bis hin zu gewalttätigen Übergriffen entgegen­stellen zu können.»
Jacqueline Trachsel

Neben den Kursen für ältere Frauen und Männer, welche in allen grösseren Städten der Schweiz angeboten werden, gibt es solche, welche die spezifischen Bedürfnisse berücksichtigen. Neben den praktischen Aspekten werden in den Kursen auch konkrete Fälle – beispielsweise aus der Presse – berücksichtigt und diskutiert.

Dabei ist allen Teilnehmer*innen klar, dass zwischen Theorie und Praxis ein nicht zu unter­schätzender Unterschied besteht: Das heisst, dass die tatsächliche Anwendung der erlangten Kenntnisse nicht ganz einfach ist und Patentrezepte fehlen. Auch wenn Selbstverteidigungs­kurse für Seniorinnen und Senioren nicht das Allheilmittel sein können, so bieten sie doch beachtliche Vorteile. Nicht zuletzt einen Gewinn an Selbstvertrauen: ein probates Mittel also, um Angst und Unsicherheit zu bekämpfen!

shutterstock_2077840780

Selbstvertrauen stärken

Besonders Frauen sind begeistert, die eigenen Kräfte zu entdecken – unabhängig von Alter und Gesundheit. Die Angst vor möglicher Gewalt oder die Bereitschaft, sich mit erlebter Gewalt – strukturell oder am eigenen Leib – auseinanderzusetzen, sind oft ein Anreiz, um an einem Selbstverteidigungskurs teilzunehmen.

Angst soll nicht lähmen, sondern wach machen und mobilisieren. Auch Seniorinnen und Senioren werden mit unterschiedlichen Formen von Gewalt – von Ignoranz, über sexistische Anmache bis hin zu Vergewaltigung – konfrontiert. Diese Übergriffe in den jeweiligen Situationen frühzeitig erkennen, sich altersentsprechend davor schützen oder sie erfolgreich abwehren zu können, wird geübt. Während den Kursen wird das Selbstvertrauen gestärkt, sich künftig als Opfer von Arroganz und Gewalt in der Öffentlichkeit widersetzen zu können. Vom Training gestärkt, gelingt es dann auch herauszufinden, welche Möglichkeiten die Teilnehmer*innen haben, ihre Stimme, ihre Sprache, ihren Körper und besonders ihre mentale Stärke zu nutzen, um bis ins hohe Alter wehrhaft zu bleiben.

Wer sich beraten lassen will oder Hilfe sucht, kann dies über die Plattform «Alter ohne Gewalt» oder unter der Telefonnummer 0848 00 13 13 tun. Das nationale Kompetenzzentrum bringt Betroffene in der ganzen Schweiz in Kontakt mit Fachpersonen aus den Bereichen Medizin, Recht, Pflege und Versicherung.