01. Dezember 2023

Stalking – in ständiger Angst

Stalking – in ständiger Angst
Lesezeit ca. 7 min

Bedrohen, Auflauern, Bewerfen: Mario ist über Monate schikaniert worden. Noch heute hat er Angst, allein im Dunkeln zu spazieren. Doch trotz der massiven psychischen Folgen für die Opfer können Stalkende in der Schweiz nur zum Teil juristisch belangt werden.

Alles andere als einfach ist es, wenn eine Beziehung zu Ende geht. Auch nicht für jene, welche sie beenden. Und meist ist es noch schwieriger für jene, die sich damit abzufinden haben, dass die andere Person Schluss macht. Denn dies entspricht nicht dem eigenen Wunsch. Man fühlt sich abgelehnt.

Die meisten arrangieren sich nach einiger Zeit mit dieser Kränkung. Jedoch nicht alle: Manchmal machen sie Psychoterror: Sie stalken – von der fixen Idee besessen, ihre Partnerin oder ihren Partner zurückzugewinnen.

Mario hat diesen Psychoterror durchgemacht und erzählt.

Kratzspur im Autolack

«Während Monaten lebte ich in ständiger Angst. Mein ehemaliger Partner warf Tomaten und Eier gegen die Jalousien meiner Wohnung. Er drang in den Hauseingang ein und nahm meine Wäsche mit, die in der Waschküche zum Trocknen hing. Um zu kontrollieren, ob ich zu Hause bin, fuhr er die Strasse hinauf und hinunter.

Regelmässig lauerte er mir im Dunkeln auf; er griff mich von hinten an. Ich verbarrikadierte mich in der Wohnung, versteckte mein Auto. Doch er fand es, schnitt die Pneus auf und machte einen langen Kratzer im Lack. Zudem belästigte er mich und meine Eltern mit Anrufen, beschimpfte und bedrohte uns.

Streit um Schlüssel

Wie es so weit gekommen war? Nach einem Besuch bei meinen Eltern war die Situation eskaliert. Weil sich meine Familie ihm gegenüber skeptisch zeigte, war er eingeschnappt. Ich fuhr ihn nach Hause, da er bei sich übernachten wollte. Wir stritten um meinen Wohnungsschlüssel, den ich ihm gegeben hatte und den er mir nicht zurückgeben wollte. Er stiess mich, ich rutschte aus und fiel zu Boden. Ich schlug mit dem Kopf auf und es begann zu bluten.

Obwohl ich schrie, reagierte niemand. Ich rief die Polizei. Doch sie schickte keine Patrouille. In der Zwischenzeit hatte er sich davongemacht. Immerhin hatte er den Schlüssel zurückgelassen. Als ich in meiner Wohnung war und die Wunde desinfizierte, kletterte er auf den Balkon, klopfte an Fenster und Türen. Ich liess die Jalousien herunter, verbarrikadierte mich. Das war der Anfang des monatelangen Stalkings.

Stalking – in ständiger Angst

Einsam in der Stadt

Weshalb ich mit einem Mann zusammen war, der derart schikanieren konnte? Weil ich sehr einsam war, als ich ihn kennenlernte. Allein in einer neuen Stadt, in der ich die Menschen als verschlossen erlebte. Als ich meinen damaligen Partner über eine Dating-App kennenlernte, war ich hin und weg: Er gefiel mir sehr! Zudem fühlte ich mich – durch ihn – meiner Heimat näher, da er dieselbe Sprache spricht. Ja, ich war verliebt, er war mein Ein und Alles: Endlich hatte ich jemanden, mit dem ich reden, mit dem ich den Alltag teilen konnte!

Ich war so verliebt, dass ich gewisse Dinge zwar registrierte, aber ausblendete. So fand ich es seltsam, dass er mir untersagen wollte, allein ins Fitnesscenter oder einkaufen zu gehen. Das liess ich mir jedoch nicht verbieten. Innerlich murrend, liess er mich gewähren. Ich überging auch, dass wir uns in unseren Ferien häufig stritten.

Spurlos verschwinden

Als er mich nach dem erwähnten Streit immer weiter stalkte, wurde mir klar, dass es eine einzige Lösung gibt: wegziehen – ohne die Adresse, ohne eine Spur zu hinterlassen. Eine delikate Sache, denn er sollte nicht merken, dass ich flüchte.

Seither habe ich Ruhe. Ein neues Leben, an einem anderen Ort, mit neuem Job – und anderem Mann an meiner Seite. Dass ich jemandem wieder voll und ganz vertrauen kann, grenzt für mich an ein Wunder, ist Balsam auf die Wunden.

«Ich rede nicht gerne über das, was geschehen ist, da es mich aufwühlt. Doch es gehört zu meinem Leben, und ich will es nicht verstecken. Es hilft, darüber zu sprechen. Und ich übe mich darin, allein im Dunkeln zu spazieren – und die aufsteigende Angst in Zusammenhang mit dem Erlebten zu setzen: zu relativieren.»
Mario
Opfer von Stalking

«Grenzen setzen»

Unmissverständlich Grenzen setzen: Dies rät der Sozialarbeiter Alessandro Suter von der Opferhilfe Schweiz Stalkingopfern.

Alessandro Suter, soll man ignorieren, wenn man belästigt wird?

Es ist wichtig, der stalkenden Person Grenzen zu setzen. Signalisieren, dass man deren Verhalten nicht billigt. Indem man ihr ein einziges Mal klar und unmissverständlich mitteilt, dass man keinen Kontakt will. Danach den Kontakt abbrechen, die Handy-Nummer und die Person auf sämtlichen Kanälen von Social Media blockieren – und sich auf keinen Fall auf Kontaktversuche einlassen.

Das klingt schwierig.

Auch wenn es hart ist und Disziplin benötigt:

«Stalking kann zunehmen, wenn man auf die Kontaktversuche eingeht. Zudem kann die stalkende Person widersprüchliche Signale so deuten, dass sie mit ihrem Verhalten Erfolg hat.»
Alessandro Suter

Welche Rolle spielt das Umfeld?

Es ist sinnvoll, das persönliche und berufliche Umfeld über die Situation zu informieren. Öffentlichkeit bedeutet Schutz.

Wird man schikaniert und belästigt, bedeutet dies enormen Stress.

Eine Person, die gestalkt wird, ist in ihrem Leben stark eingeschränkt. Die Angst, verfolgt zu werden und ständige Gedanken an weitere mögliche Handlungen dominieren den Alltag – und führen zur sozialen Isolation. Das kann schweres seelisches Leiden bewirken.

In der Schweiz ist Stalking nicht strafbar.

Genau. Einzelne Handlungen der stalkenden Person können aber strafrechtlich relevant sein – und bei der Polizei angezeigt werden. Wir empfehlen betroffenen Personen, ein Stalking-Tagebuch zu führen, in dem sie sämtliche Handlungen und Ereignisse exakt dokumentieren.

Warum?

Dies macht es einfacher, strafrechtlich vorzugehen. Zudem unterstreicht man vor den Behörden die eigene Glaubwürdigkeit. Auch kann die Polizei sofort Massnahmen ergreifen: die stalkende Person vorläufig festnehmen und Kontakte sowie Annäherungen verbieten.

Warum sollte Ihrer Meinung nach Stalking strafbar sein?

Weil viele Opfer psychischer Gewalt mit massiven Folgen zu kämpfen haben. Sie erhalten von der Justiz jedoch keine oder nur wenig Unterstützung.

«Es wäre wertvoll, strafrechtlich gegen psychische Gewalt vorgehen zu können. Viele Täterinnen und Täter agieren im gesetzlichen Graubereich.»
Alessandro Suter
Sozialarbeiter, Opferhilfe Schweiz