03. Juli 2023

Verschwörungstheorien

Verschwörungstheorien
Lesezeit ca. 5 min

Anlässlich einer Weiterbildung ergibt sich in der Kaffeepause ein interessantes Gespräch. Thema ist der momentane Zustand unserer Welt – die vergangene Corona-Krise, der Klimawandel und der Ukraine-Krieg.

Wahr oder falsch?

Eine Teilnehmerin, eine eigentlich gut gebildete und intelligente Frau, schildert die Lage dann folgendermassen: Für den Krieg in der Ukraine seien nicht Putin und Russland verantwortlich, sondern es seien die Amerikaner, die mit Panzern in die Ukraine einmarschiert seien. In der Ukraine würden irgendwo im Untergrund Kinder missbraucht und ritueller Gewalt unterzogen und die Amerikaner würden diese Kinder befreien wollen.

Ich frage dann diese Frau, woher sie diese Information hätte. Sie antwortet, dass sie das im Internet gelesen habe und auch, dass sie an dieser Information absolut keinen Zweifel hätte:

«Ihr werdet dann schon irgendwann einmal erfahren, dass das absolut stimmt und dass alles, was im Moment in den Zeitungen steht und im Radio und Fernsehen gesendet wird, überhaupt nicht stimmt.»

Ich stelle dann dieser Frau ein paar Fragen: Wie sei es denn möglich gewesen, dass die USA eine so gewaltige Streitmacht in die Ukraine gebracht habe, ohne dass die Welt davon Kenntnis erhalten habe? Heutzutage könne man ja fast jede Bewegung, vor allem auch militärische Bewegungen, mit Satelliten genauestens überwachen! Was sei denn die Rolle von Putin, von Russland in dieser Geschichte? Warum würden ausgerechnet in der Ukraine Kinder offiziell missbraucht? Warum unternähme die ukrainische Regierung nichts dagegen?

Diskussion unmöglich

Sie antwortet etwas diffus und wird ob diesen kritischen Fragen zunehmend ungeduldig und gereizt und betont noch einmal, dass man das dann schon irgendwann wirklich erfahren würde. Nach einem längerem Gespräch wird mir klar: Mit dieser Frau ist eine Diskussion unmöglich, ihre Haltung und ihre Meinungen sind zu 100 Prozent in Stein gemeisselt, es gibt daran absolut nichts zu rütteln – kritische Fragen mag sie nicht.

Das erinnert mich fast ein wenig an Mitglieder von Sekten und an religiöse Fundamentalisten. Auch diese haben ein Bild von der Welt, das sie durch alle Böden verteidigen.

«Sie wollen ihre Meinung und ihre Haltung keinesfalls hinterfragen oder gar revidieren, sie beharren mit einer unglaublichen Sturheit auf ihrem Weltbild und schmettern jede kritische Bemerkung mit einer unfassbaren Vehemenz ab.»
Albin Rohrer

Schliesslich meint diese Frau, dass es keinen Wert habe, noch länger über diese Geschichten zu diskutieren. Und ich denke, dass sie recht hat. Diskussionen sind ja geistige Auseinandersetzungen, bei denen man nicht nur die Meinung des Gegenübers, sondern vielleicht auch hin und wieder die eigene Meinung hinterfragt.

Warum unterliegen wir Verschwörungs­theorien?

Die Mondlandung, die Anschläge auf das World Trade Center, die Corona-Pandemie und viele andere wichtige Ereignisse unserer Geschichte unterliegen solchen Theorien. Verschwörungstheoretiker sind dann jeweils der Meinung, dass hinter diesen Geschichten viel mehr stecke als die Allgemeinheit wisse (oder glaube). Über diverse Messenger-Dienste und YouTube werden unzählige Theorien und Erzählungen verbreitet, die innerhalb von kurzer Zeit offenbar Millionen von Menschen erreichen. Warum ist das denn so?

«Ich denke, dass ganz besonders in schwierigen Zeiten (nach Katastrophen oder bei Kriegen) viele Menschen verunsichert sind. Man sucht Gründe, man möchte klare Antworten, man möchte die Zusammenhänge kennen, man sucht klare Feindbilder.»
Albin Rohrer

Verschwörungstheorien bieten dann eindeutige Antworten, was bei gewissen Menschen offenbar zur Beruhigung beiträgt. Sie finden damit einfache Zusammenhänge und Antworten in einer äusserst komplexen Welt.

Offene Fragen aushalten können

Auf dem Nachhauseweg beschäftigt mich das Thema weiter. Ja, unsere Welt ist sehr komplex. Vieles passiert auch im Hintergrund und Untergrund, wir wissen vieles nicht. Was in der Presse steht, stimmt ganz sicher nicht immer alles, zudem steht ja auch nie alles in der Presse. Gerade in einem Krieg. Wie sagt doch eine alte Weisheit: «Das Erste, was im Krieg verloren geht, ist die Wahrheit.» Aber: Muss ich denn ganz genau wissen, was alles in der Welt passiert? In Syrien, in Afghanistan, im Jemen, im Iran, in der Ukraine? Was hat das alles mit meinem Leben zu tun?

Und: Kann ich damit leben, dass ich bei vielen Themen nicht alles weiss und schon gar nicht alles verstehe?

Mein Fazit: Ich weiss von unserer Welt wahrscheinlich sehr wenig. Wie sagte doch schon der griechische Philosoph Aristoteles: «Je mehr ich weiss, desto mehr weiss ich, dass ich nichts weiss.» Und ich entscheide für mich, dass ich bezüglich der Welt und dem Leben mehr Fragen als Antworten habe. Ich glaube, ich muss das einfach irgendwie aushalten, auch wenn es manchmal etwas unangenehm ist …