15. Januar 2021

Verwöhnen und Grenzen setzen

Verwöhnen und Grenzen setzen
Lesezeit ca. 8 min

Erziehung zwischen übermässigem Verwöhnen und striktem Grenzen setzen ist eine Kunst, die eine gute Eltern-Kind-Beziehung und eine ermutigende, wohlwollende Haltung des Erziehenden dem Kind gegenüber braucht.

Vorbildrolle

Wir können den Kindern Regeln und richtiges Verhalten vorleben. Denn ein Kind lernt vor allem durch Nachahmung, also vom Vorbild der Erziehenden. Dieses hat einen grösseren Einfluss als wir ahnen. Das Kind beobachtet, ob wir rücksichtsvoll über andere Menschen sprechen. Oder wie schnell wir zu einer (Not-)lüge greifen und die Wahrheit verdrehen. In einer ermutigenden Atmosphäre, in der Eltern Kindern mit Respekt begegnen und sie ernst nehmen, werden die Grenzen der Eltern eher akzeptiert. Kinder nehmen ihre Eltern in jeder Hinsicht zum Vorbild und respektieren sie und ihre Bedürfnisse ebenso.

Zu viel Liebe gibt es nicht!

Kinder brauchen Liebe und das Gefühl, dass ihnen von den Eltern Wertschätzung entgegengebracht wird. Aufmerksamkeit, liebevolle Unterstützung bei schwierigen Aufgaben und eine konsequente, aber liebevolle Einhaltung der Regeln und Grenzen im Umgang miteinander gehören ebenfalls zur elterlichen Zuwendung dazu.

«Denn auch die Erziehungsaufgabe ist ein Liebesdienst und damit Teil der so wichtigen Zuwendung. Gemeinsam erlebte Zeit und emotionale Zuwendung kann ein Kind dagegen niemals genug bekommen. In dieser Hinsicht gibt es kein Verwöhnen.»
Jacqueline Trachsel

Kinder brauchen die Sicherheit, die Liebe bietet; und gerade die Kleinsten haben oft ein starkes Bedürfnis nach Nähe und Aufmerksamkeit. Hier braucht man sich keine Sorgen zu machen, dass das Kind durch ein Zuviel «verdorben» wird. Ganz im Gegenteil – je vollständiger ein Säugling oder Kleinkind seine Bedürfnisse nach körperlicher und emotionaler Zuwendung erfahren kann und Eltern diese erfüllen, umso mehr Zutrauen kann es später in andere Menschen, sich selbst und das Leben entwickeln.

Verwöhnen und Grenzen setzen

Späte Erziehungserfolge

Alle Eltern wissen aber auch, dass es oft mühsam ist, dem Kind das rechte Mass an Erziehung angemessen zu vermitteln. Die Aufgabe ist anstrengend, oft sind Erfolge erst Jahre später sichtbar und fast jede Kindheit ist mit einer Anzahl von Auseinandersetzungen und Disputen durchsetzt. Dahinter steht: Eltern übernehmen die Verantwortung für die Aufgabe, die eigenen Kinder grosszuziehen und aufs Leben vorzubereiten.

Grenzerfahrungen sind wichtig

Weil Kinder Halt, Sicherheit und Schutz suchen, machen sie so lange auf sich aufmerksam, bis ihr Bedürfnis danach gestillt wird.

«Wenn wir angemessen auf ihre Aktionen reagieren, fühlen sie sich ernst genommen. Kindern Grenzen zu setzen bedeutet deshalb, sie zu achten und als Mitmenschen anzusehen.»
Jacqueline Trachsel

Wenn sie Grenzen überschreiten, möchten sie neues Terrain erkunden und ihre Fertigkeiten austesten.

Können sie dabei Grenzen erspüren und erfühlen, erhalten sie körperliche Erfahrungen. Sie sind vielleicht bereit, künftig anders zu handeln. Wenn Kinder das Erwünschte tun, beachten und anerkennen wir dies. Wir zeigen Wertschätzung, indem wir bemerken, wenn sich das Kind kooperationsbereit gezeigt hat oder seine Pflichten erfüllt. So merken sie, dass dies die richtigen Verhaltensregeln sind und lernen, Verantwortung zu übernehmen.

Grenzerfahrungen und Grenzüberschreitungen gehören jedoch zur normalen Entwicklung. Wenn Kinder uns herausfordern, dann nicht, weil sie uns «eins auswischen» oder speziell ärgern wollen. Vielmehr drücken sie damit ihr Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit aus.

Beim Verwöhnen wird gerade diese Aufgabe nicht übernommen. Wer seinem Kind alle Wünsche von den Lippen abliest, ihm die Schwierigkeiten des Lebens vorenthält und ihm verweigert, an eigene und fremde Grenzen zu stossen, der nimmt ihm gleichzeitig die Möglichkeit, ein Selbstwertgefühl zu entwickeln, indem es an diesen Grenzen wächst. Selbständigkeit ist daher eine der wichtigsten Grundvoraussetzungen. Weiterhin müssen Kinder die Gelegenheit haben, aus eigenen Fehlern zu lernen, wie auch eigene Erfolge zu geniessen.

Verwöhnung oder Zuwendung – der feine Unterschied

Verwöhne ich mein Kind zu sehr? Diese Frage stellen sich Eltern häufig, umso mehr es gutgemeinte Ratschläge von allen Seiten hagelt. Doch wo endet die so wichtige Zuwendung und Bedürfnisbefriedigung und wo wird es zum Verwöhnen?

Glaubt man einigen Pädagogen, sind unsere Kinder heute generell zu verwöhnt und prädestiniert, sich zu selbstsüchtigen und lebensuntüchtigen Erwachsenen zu entwickeln; dies gemäss Umfrage, die durch ein bekanntes Familienmagazin in Deutschland initiiert wurde und besagte, dass 75 Prozent der Ansicht ihrer Pädagogen folgen.

«Oft steht aber hinter dem scheinbaren Vewöhnen ein echter Mangel – nämlich der an Wertschätzung und Zuneigung. Das Kind wird zwar mit materiellen Gütern oder sogar Vorrechten überhäuft, aber nicht in seiner Persönlichkeit gesehen, geliebt und unterstützt.»
Jacqueline Trachsel

Eltern scheuen häufig die Auseinandersetzung mit dem «Wesen Kind» und kompensieren diese Unfähigkeit mit anderen Formen der Zuwendung. Werden Kinder überbehütet und allzu sehr mit Geschenken und anderen Zuwendungen verhätschelt, werden kaum Grenzen gesetzt und geht das Wohlbefinden über alles, dann kann mit Sicherheit von Verwöhnen gesprochen werden. Bis es aber soweit ist, geniessen die Kinder die elterliche Liebe und benötigen sie dringend für eine gesunde körperliche und geistige Entwicklung.

Verwöhnen und Grenzen setzen

Herausforderung «Grenzen setzen»

Nicht immer ist es ganz leicht, als Eltern die Grenze zwischen Verwöhnen und Zuwendung zu erkennen und einzuhalten, gerade weil das Verwöhnen so viele Gesichter hat: Überhäufung mit materiellen Gütern wie Spielzeuge, Kleidung und Süssigkeiten. Ständige Ausnahmen von vorher aufgestellten Grenzen und Regeln. Ständige Unterstützung oder Abnahme aller möglichen Aufgaben, die das Kind auch leicht selbst erledigen könnte. Befreiung von Pflichten, die vorher als Aufgaben des Kindes abgesprochen waren. Abnahme jeglicher Verantwortung des Kindes, zum Beispiel für das eigene Verhalten oder die Position im Familiensystem.

«Es ist für Eltern eine grössere Herausforderung, ihren Kindern altersgemässe Grenzen zu setzen, «Stopp» zu sagen und dann auch noch den Protest der Kinder auszuhalten. Wenn sich Erwachsene jedoch in einer bejahenden, wohlwollenden Haltung den Kindern zuwenden, dann gibt es diesen Mut und Auftrieb für ihr Leben.»
Jacqueline Trachsel

Dann werden aus ihnen Menschen, die geben und nehmen können.

Kompetentes Kind

Was Kinder in der Erziehung wirklich brauchen, um selbstständig und eigenverantwortlich in die Welt zu gehen sind die Fähigkeiten, sich selber wahrzunehmen, sich ernst zu nehmen, sich selber zu verstehen und sich als selbst wirksam und kompetent für Handlungen zu erleben. Dafür brauchen Kinder von klein auf viele Übungsmöglichkeiten unter den liebevollen und schützenden Blicken von Erwachsenen, die mit ihnen in guten und sicheren Beziehungen stehen.

Verwöhnen und Grenzen setzen

In einer Langzeitstudie der Boston University wurde festgestellt, dass Buben und Mädchen, die regelmässig im Haushalt mithelfen müssen, bessere schulische Leistungen erbringen. Der Grund: Das erteilte elterliche Vertrauen fördert die Motivation der Kinder, sie fühlen sich ernst genommen, entwickeln eine enge Bindung zu den Eltern und werden deshalb auch später eher bereit sein, mitanzupacken …

Vertrauen und Loslassen

Prinzipiell können wir uns daranhalten: Alles, was ein Kind aus eigener Kraft schon kann, sollte es auch selbst tun und ausführen. Man sollte als Eltern und Erwachsene dann helfen, wenn es aus den unterschiedlichsten Gründen notwendig ist (etwa Zeitdruck, emotionaler Stress).

Aber Freiräume sind wichtig! Es fällt Eltern oft schwer, diese den Kindern zu zugestehen; aus Sorge und auch, weil sie die Kompetenzen, die die Kinder haben, oft nicht auf den ersten Blick sehen. Ein wenig Mut ist da schon notwendig, wenn Eltern ihren Kindern das richtige Mass an Verantwortung übergeben.

Eltern bewegen sich in der Erziehung ihrer Kinder oft im Spannungsfeld zwischen übermässigem Verwöhnen, Beschützen und Grenzen setzen; doch falsche Schonung schadet Kindern mehr, als es den Eltern oft bewusst ist.