Weissbuche
Lesezeit ca. 6 min

Die Weissbuche kennen viele nur zurechtgestutzt als lebenden Sichtschutz und Garteneinfriedung. Doch Hainbuchen, wie sie auch heissen, wachsen im Einzelstand zu harmonischen kleinen Bäumen mit kugeliger Krone heran, die eine in sich ruhende Heiterkeit ausstrahlen.

Botanik

In den Wäldern bleiben sie im Schatten, da sie mit ihren 20 Metern Höhe nicht mit anderen Bäumen mithalten können. Doch das kümmert die Weissbuche (Carpinus betulus) nicht, sie ist genügsam und zäh. Sie kommt mit fast jedem Standort klar, trotzt Stürmen und steht Trockenphasen durch. Sie erträgt  Verstümmelungen, egal ob von Menschen oder von hungrigen Rehen, und treibt unerschütterlich wieder aus.

Ihre Blätter ähneln denen der Rotbuche, was wohl zum Namen beitrug. Sie sind aber fester und weisen einen gezähnten Rand auf. Die Weissbuche ist nicht mit der Rotbuche verwandt, sondern gehört zusammen mit Haselstrauch, Birke und Erle zur Familie der Birkengewächse.

Weissbuche (Carpinus betulus)

Wertvoll: Mineralien und Holz

Ihre Früchte sind Nüsschen mit einem dreiteiligen Flügel, der sie mit dem Wind kilometerweit trägt; sie dienen Vögeln und Kleinsäugern als Nahrung. Auch die Blätter sind begehrt, sie werden vom Wild gefressen, die Knospen sind beliebt beim Haselhuhn. Das Laub bleibt im Winter lange an den Zweigen. Fällt es schliesslich zu Boden, zersetzt es sich rasch und fördert das Bodenleben.

In ländlichen Gebieten gehörte die Weissbuche zu den beliebten Futterlaubbäumen. Sie wurden regelmässig geschnitten («geschnaitelt» nannte man das), das Laub getrocknet und im Winter verfüttert.

Das Laubheu der Hainbuche ist besonders reich an Eiweiss und Mineralstoffen wie Eisen, Zink, Mangan, Kobalt und Selen. Heute erkennt man den Wert organisch gebundener Mineralien wieder und kommt vermehrt auf Laubheu für Schafe und Ziegen zurück.

Stamm und Äste der Weissbuche besitzen Längswülste, die an die sehnigen Arme eines Arbeiters erinnern. Das passt zum Baum, der so beharrlich ist und nie aufgibt. Sein Holz ist das härteste und schwerste einheimische Holz, man bezeichnete es auch als Eisenholz. Es wurde für stark beanspruchte Teile wie Zahnräder, Mühleräder, Speichen und Naben verwendet. Heute findet man es noch in Werkzeugstielen oder als wertvolles Brennholz.

Beharrlichkeit und schützende Begleitung

In der Mythologie galt die Weissbuche als Symbol für Mut und Standhaftigkeit. Sie unterstützte als Schutzbaum den Menschen darin, ein angestrebtes Ziel zu erreichen. Sie war wie Hasel und Holunder ein Baum der Erdgöttin. Die Kelten nutzten Hainbuchenhecken, um ihre Dörfer vor Menschen und bösen Kräften zu schützen. Der Name «Hagebuche» weist auf die Verwendung als lebenden Zaun
hin. Das Gewirr der Zweige wurde immer dichter, je mehr man diese schnitt, und bot nebenbei brütenden Vögeln Schutz. Im Barock holte man die bodenständige Pflanze in die Schlossgärten und zwang ihr streng geometrische Formen auf. Auch das ertrug die Hainbuche geduldig. Sie gibt sich zufrieden mit dem, was sie hat und macht das Beste daraus.

Weissbuche (Carpinus betulus)

Zur Wundheilung und bei Erschöpfung

Trotz ihrer Vorzüge in Hof und Garten blieb die Weissbuche medizinisch lange wenig genutzt. Hildegard von Bingen empfahl die sich entfaltenden Blättchen als Suppe gekocht für Frauen mit Kinderwunsch. Das Sitzen an einem Feuer aus Weissbuchenholz sollte Albträumen vorbeugen. Tabernaemontanus schrieb im 16. Jahrhundert, dass Früchte und Blätter gegen Milzstechen und Wassersucht helfen. Die Flügel der Früchte galten als harnreibend und blutreinigend bei Blasenerkrankungen. Die Blätter wirken zusammenziehend und blutstillend, sie wurden als Wundpflaster verwendet.

Als Wirkstoffe finden sich Phenolsäuren, Flavonoidglykoside, Saponine, Tannine, Catechine und Procyanidin. In jungen Blättern der Weissbuche fand man kürzlich Pheophorbid. Diese Substanz macht im Laborversuch Tumorzellen lichtempfindlich und damit zerstörbar.

Edward Bach erkannte in der Weissbuche einen seiner 38 Heiler. Die Blütenessenz hilft bei dauernder Müdigkeit und geistiger Erschöpfung, sie verleiht neue Energie, wenn man sich ausgebrannt fühlt. Die Essenz erfrischt, gibt Schwung und Vitalität. Sie hilft einem, auch im täglichen Trott des Alltags Freude und Motivation zu bewahren.

Schützt die Atemwege

In der Gemmotherapie ist die Weissbuche ein wichtiges Mittel für die Schleimhäute der oberen Atemwege.

«Weissbuche ist entzündungshemmend, antiallergisch, ausleitend. Sie besänftigt die gereizten Schleimhäute, beruhigt den Hustenreiz.»
Ursula Glauser-Spahni

Zudem hat sie eine blutstillende Wirkung, was auf die vermehrte Bildung von Blutplättchen zurückgeführt wird.

Weissbuche hilft bei Schnupfen, Stirn- und Nasen­höhlenentzündungen, Kehlkopf- und Luftröhrenentzündungen, Husten und Neigung zu Nasenbluten; in Kombination mit Wolligem Schneeball bei Asthma bronchiale.

«Die Kombination von Hainbuche mit Schwarzer Johannisbeere und Rotbuche hat sich bei allergischem Schnupfen bewährt.»
Ursula Glauser-Spahni

Weitere Anwendungsgebiete sind Polyarthritis, Reizdarm (zusammen mit Feigenbaum), Stressanfälligkeit und Erschöpfung. Die Hainbuche verleiht Frische und heitere Lebendigkeit.