Wolle: kostbares Multitalent
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Seit Jahrtausenden nutzt der Mensch Wolle als Rohstoff. Heute sind die Verwendungsmöglichkeiten des Naturmaterials vielfältiger denn je – sofern es verarbeitet und nicht einfach entsorgt wird.

Die Liste der positiven Eigenschaften von Wolle ist lang: Die Fasern des Naturmaterials sind robust, elastisch, antistatisch, schmutz- und geruchsabweisend, antibakteriell, selbstreinigend, temperatur­ausgleichend und schwer entflammbar. Zudem wird dem natürlichen Wollwachs Lanolin, das in den Talgdrüsen der Schafe produziert wird und sich um die Fasern legt, eine heilende Wirkung nachgewiesen. Kein Wunder, ist Wolle ein wichtiger Rohstoff für sehr unterschiedliche Branchen: Textilindustrie, Medizin und Natur­heilkunde, Kosmetik sowie Baugewerbe. Seit Neuestem ist sogar das Interesse der Gärtner geweckt.

Must-have in Sachen Bekleidung

Auch wenn Wolle bereits seit Menschen Gedenken zu Kleidung und Textilien verarbeitet wird, aus der Mode wird das Material definitiv nie kommen. Die Vorzüge liegen auf der Hand: Zum einen neigen die Fasern aufgrund ihrer Elastizität nicht zum Knittern, was sie von anderen Naturfasern wie Baumwolle und Leinen unterscheidet. Zum anderen ist Wolle atmungsaktiv und weist eine geringe Dichte auf, weshalb sich daraus angenehm leichte Stoffe fertigen lassen. Der grösste Vorteil von Wolle liegt jedoch darin, dass sie temperatur­ausgleichend wirkt. Sprich: Im Winter hält sie die Wärme, im Sommer wirkt sie kühlend. Darüber hinaus kann die Wollfaser im Inneren Feuchtigkeit aufnehmen. Sogar bis zu einem Drittel ihres Trockengewichts, ohne sich dabei an der Oberfläche feucht anzufühlen. Und das macht Wolle nicht zuletzt auch zu einem idealen Material für Sportbekleidung, bei der Schweiss schnell aufgenommen und rasch abtransportiert werden soll. Das Äussere der Faser wiederum ist feuchtigkeitsabweisend und bietet sogar einen natürlichen Lichtschutzfaktor, da die UV-Strahlung bis zu einem gewissen Grad absorbiert wird.

Allrounder Lanolin

Besonders wertvoll ist das natürliche Wachs der Wolle, das Lanolin. Im medizinischen und kosmetischen Bereich werden ihm viele positive Eigenschaften zugesprochen: Lanolin pflegt zum Beispiel die Haut, beschleunigt die Wundheilung, fördert die Durchblutung, regt den Stoffwechsel an, lindert Schmerzen, wirkt entzündungshemmend und tötet Bakterien ab.

Deshalb wird Lanolin in zahlreichen Salben und in Cremen verwendet, zum Beispiel um empfindliche Babyhaut zu schützen oder die Brustwarzen während der Stillzeit zu pflegen. Lanolin wird zudem als pharmazeutischer Hilfsstoff von Kosmetika und als Emulgator genutzt.

Das Wollwachs entfaltet aber nicht nur als Inhaltsstoff von Cremen und Salben seine heilende Wirkung, sondern auch in Form von Wollauflagen – im Volksmund Heilwolle genannt. Diese wird besonders schonend gereinigt, um das Lanolin nicht herauszuwaschen. Die naturbelassene Wolle soll als Brustwickel bei Husten und Halsschmerzen hilfreich sein. Auch bei Beschwerden in den Gelenken kann sie Linderung verschaffen. Und sogar bei leichten Ohrenschmerzen hat sich das Naturprodukt bewährt, wenn es als Wattebüschel in die Ohrmuschel gelegt wird. (Achtung, nicht zu tief ins Ohr drücken!).

Wolle: kostbares Multitalent

Ökologisches Baumaterial

Drei wesentliche Vorteile der Schafwolle bestehen darin, dass diese Schadstoffe aus der Luft absorbiert, biologisch abbaubar sowie schwer entflammbar ist (entzündet sich erst ab zirka 560° Celsius und setzt dabei keine gesundheitsschädlichen Stoffe frei). Diese Kombination macht Wolle als ökologisches Dämmmaterial für die Baubranche äusserst interessant. Denn gerade in diesem Bereich ist das Bewusstsein für nachhaltige Materialien in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Aus Wolle lassen sich unter anderem Platten und Matten herstellen, die Fassaden, Kellerdecken und Dachböden isolieren oder als Trittschalldämmung dienen. Mit Stopfwolle können auch Zwischenräume bei Fenstern und Türen gefüllt und abgedichtet werden.

Das Naturmaterial sorgt für ein gutes Wohnklima und ist gesundheitlich unbedenklich – trotz der nötigen Zusatzstoffe gegen Motten. Um künftig auf Pestizide verzichten zu können und den Dämmstoff aus Wolle zu einem rundum biologischen Produkt zu machen, wird derzeit intensiv geforscht und nach pflanzlichen Behandlungsmitteln gesucht, die ebenfalls dauerhaft gegen Schädlinge wirken.

Natürliche Düngung

Wer gerne ökologisch gärtnert und auf natürliche Düngung setzt, dem bietet Schafwolle ebenfalls einen grossen Nutzen. Und zwar in zweierlei Hinsicht: Zu Pellets gepresst, liefern ungewaschene Wollreste, die bei der Schafschur anfallen, wichtige Nährstoffe für Pflanzen und Boden – Stickstoff, Phosphor, Kalium und Schwefel. Eine Kombination, die sich hervorragend als Langzeitdünger für Obst, Gemüse und Blumen eignet. Zudem dienen die Pellets in der Erde als Wasserspeicher, mit deren Hilfe Pflanzen auch Trockenperioden überbrücken können. Als Mulch verwendete Pellets sollen angeblich Schnecken abhalten. Diesbezüglich scheint die Wirksamkeit allerdings noch nicht eindeutig geklärt. Ein Versuch jedoch lohnt sich.

Sinnvolle Verwertung

Trotz all dieser wunderbaren Eigenschaften und vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten wurde, (und wird!) Wolle vielerorts einfach entsorgt. Die Weiterverarbeitung des Rohstoffs, der als Nebenprodukt der Fleischerzeugung anfällt, lohnt sich für viele Schafbauern nicht mehr. So wurde beispielsweise in Südtirol über viele Jahre Wolle zuhauf verbrannt.

Auch in der Schweiz liefen Schafbauern Gefahr, dass der wertvolle Rohstoff in grossen Mengen entsorgt wird: Nachdem hierzulande die Subventionen zur Wollverarbeitung vom Bund gekürzt wurden, wurde im Zuge dessen auch die inländische Wollzentrale (IWZ) geschlossen. Sie diente bis vor zwanzig Jahren als staatlich organisierte und finanzierte Sammelstelle, bei der Schafbauern ihre Wolle abgegeben konnten und dafür einen angemessenen Preis erhielten. Mit der Schliessung der Behörde fehlte den Bauern diese Anlaufstelle, um ihre Wolle vermarkten zu können. Alles selbst in die Hand zu nehmen, wäre für jeden Einzelnen nicht rentabel gewesen.

«Um jedoch die Vernichtung des kostbaren Rohstoffs zu verhindern, schlossen sich im Jahr 2009 zahlreiche Schafhalter und Wollverwerter zu Selbsthilfe­organisationen zusammen. Unter bestimmten Auflagen sicherte der Bund damals auch wieder Unterstützung zu. Heute werden 50 Prozent der Schweizer Wolle als Rohwolle exportiert, vor allem nach Deutschland.»
Susanne Lieber

Die andere Hälfte wird im Inland verwertet und dem Wirtschaftskreislauf zugeführt. Das Material wird hauptsächlich zu Dämmplatten für die Baubranche, zu Füllmaterial von Bettwaren, zu wärmeisolierenden Schichten in Outdoor­bekleidung, zu Filzerzeugnissen und zu Teppichen verarbeitet.

Als gewobenes Material für die Textil- und Modebranche eignet sich die Wolle der heimischen Schafrassen weniger. Aufgrund der Witterung, der die Tiere in den Bergregionen ausgesetzt sind, ist die Wolle im Vergleich zur weichen Merinowolle, die vorwiegend in Australien und Neuseeland produziert wird, deutlich gröber und kratziger. Derzeit leben rund 350 000 Schafe in der Schweiz. Damit fallen jährlich etwa 1000 Tonnen Rohwolle an, aus denen nach dem Sortieren und Waschen 600 bis 700 Tonnen verwertbares Material hervorgeht. Ein kostbares Naturprodukt, das mit all seinen Vorzügen seinesgleichen sucht – und dem hoffentlich auch in Zukunft der nötige Respekt gezollt wird.