03. Juli 2023

Warum Kleider kaufen, wenn ich sie teilen kann?

Warum Kleider kaufen, wenn ich sie teilen kann?
Lesezeit ca. 7 min

Beim Berner Laden «Teil» ist Kleidertauschen Konzept: Ein Kleider-Abo sorgt für Abwechslung im Kleiderschrank und einen nachhaltigen Umgang mit Mode.

6,3 Kilo Kleidung. So viel, wie man im Alltag schnell in einem Rucksack oder einer Tasche mit sich herumträgt, so viel Kleidung wird in der Schweiz pro Person und Jahr gemäss «Fashion Revolution Schweiz» durchschnittlich weggeworfen. Und weiter: «Europäische Frauen haben im Schnitt 118 Kleidungsstücke im Schrank, kaufen jedes Jahr 60 neue Stücke dazu. 40 Prozent ihrer Kleider tragen sie nie oder nur zwei bis vier Mal», steht auf der Webseite fashionrevolution.ch. Global gerechnet bedeutet das: Von den 150 Milliarden Kleidungsstücken, die jährlich produziert werden, landen allein in Amerika jedes Jahr etwa 14 Millionen Tonnen im Abfall.

Von Fast Fashion …

Es ist klar:

«Die Modeindustrie hat ein Nachhaltigkeitsproblem. Denn sie ist gleich aus mehreren Gründen eine der dreckigsten Industrien.»
Manuela Donati

Die Produktionsbedingungen schaden Mensch und Natur. Ein Grossteil unserer Kleider wird in Entwicklungsländern von Näherinnen hergestellt. Diese müssen unter unwürdigen und gesundheitsschädlichen Bedingungen zu einem Minimallohn ohne soziale und rechtliche Absicherung arbeiten.

Von der Stoffherstellung bis zum fertigen Kleidungsstück im Laden, durch den ganzen Produktionsprozess sind bei vielen Kleidern gesundheitsschädliche Chemikalien involviert, von den Pestiziden im Baumwollanbau bis zur Gewässerverschmutzung durch Mikrofasern. Als wäre damit noch nicht genug Schaden angerichtet, kommt ein weiteres Problem obendrauf: ein regelrechter Berg an Altkleidern. Die sogenannte «Fast Fashion», das Geschäftsmodell von H&M, Zara, SHEIN und anderen Modediscountern, überflutet die Kunden und Kundinnen seit den 2000er-Jahren mit billiger und immer neuer Kleidung.

Die sogenannte «Fast Fashion», das Geschäftsmodell von H&M und anderen Modediscountern

… und Altkleiderbergen

Bis zu 24 neue Kollektionen bringen die Modediscounter pro Jahr in die Läden. Das bedeutet: 24 mal 20 bis 70 neue Kleidungstücke in verschiedenen Grössen und Farben. Traurige Tatsache: Die Kleider werden zwar gekauft, aber wenig und vor allem nicht lange getragen – das lässt auch die billige Qualität nicht zu. Die Tatsache, dass Modediscounter Designer*innen kopieren und somit Design-Trends auch für das kleine Portemonnaie zugänglich machen, befeuert die Problematik zusätzlich: Die neuesten Trends werden als billige Kopie nachgekauft. Danach stapelt sich die Kleidung im Schrank und landet irgendwann in der Altkleidersammlung. In Deutschland sind es laut Greenpeace Deutschland jährlich ungefähr 1,3 Millionen Tonnen. Doch nur die Hälfte aller Kleiderspenden wird wiederverwertet. Wie Greenpeace Deutschland schreibt, werden die alten Kleider aber nicht in Garne oder Stoffe für neue Kleidung umgewandelt, sondern zumeist geschreddert und zu Putzlappen oder Isolier- und Füllstoffen verarbeitet. Und die Putzlumpen werden dann zu Müll.

«Mode ist Wegwerfware geworden.»
Manuela Donati
Ein riesiger Berg von Altkleidern regt zum Nachdenken an

Kleider teilen und Kundinnen sensibilisieren

Genau solche Zahlen und Fakten brachten Debora Alder-Gasser zum Nachdenken. Die Betriebsökonomin arbeitet im Fundraising bei einem Kinderhilfswerk und befasst sich in ihrem Privatleben schon lange mit Nachhaltigkeit. «Da landet man schnell beim Thema Kleider», sagt sie.

«Ich habe schon lange Fair Fashion und Secondhandmode gekauft. Doch irgendwann stellte ich mir die Frage: Muss ich denn alles besitzen?»
Debora Alder-Gasser

«Teil», der grösste Leih-Kleiderschrank Berns

Inspiriert von der «Kleiderei» in Köln, einem Laden, in dem der Kleidertausch Konzept ist, gründete sie 2020 zusammen mit ihrem Mann Claudio Alder, ihrem Bruder Nadal Gasser und dessen Frau Irina Gasser «Teil», den grössten Leih-Kleiderschrank von Bern. Mit einem Abo können Kundinnen bei «Teil» Kleider ausleihen und sie wieder gegen neue eintauschen, sobald sie die Freude an dem Kleidungsstück verloren haben. Ein nachhaltiger Weg für Abwechslung im Kleiderschrank und ein schweizweit einzigartiges Angebot. «Teil», der «grösste Kleiderschrank von Bern», zeigt sich als liebevoll und trendbewusst eingerichteter Laden. Sorgfältig ausgewählte Hosen, Blusen, Pullover, Jacken und T-Shirts sind zum Teilen bereit, dazu kommen Accessoires und Schuhe. Rund 4000 Kleider sind im Sortiment von «Teil», neben Basics und zeitlosen Klassikern auch ausgefallene Stücke für die Festgarderobe. Meistens sind es Einzelstücke, bei Unter- und Übergrössen ist die Auswahl kleiner. Das setzt eine gewisse Flexibilität bei den Tauschwilligen voraus.

Auch Männerkleider werden geteilt

Noch besteht das Sortiment vor allem aus Frauenkleidern, doch seit Kurzem gibt es auch eine kleine Auswahl für Männer. Das Herzstück des Ladens ist ein gemütliches Sofa mit Kaffeemaschine und Kinderspielecke; die Kundinnen und Kunden sollen auch verweilen können. Die Kleider im Laden stammen grösstenteils von Privatspenden und ausgemusterten Kollektionen von Fair-Fashion-Labels wie «Rework». Das Konzept von «Teil» spreche vor allem urbane Frauen zwischen 25 und 35 Jahren an, die sowohl modebewusst als auch auf das Thema Nachhaltigkeit sensibilisiert seien, erklärt Debora Alder-Gasser. Je nach Abo können sie eines, drei oder sechs Kleidungsstücke mitnehmen.

Ein nachhaltiges Erfolgskonzept

Trotz einem schwierigen Start im ersten Jahr der Covid-Pandemie, die Idee findet Anklang: Die Zahl der Abonnentinnen ist in der Zwischenzeit auf 160 gewachsen. 2022 wurde Debora Alder-Gasser und ihr Team zudem mit dem ersten Nachhaltigkeitspreis der Stadt Bern ausgezeichnet.

Noch immer arbeitet das Gründerteam ehrenamtlich und unterstützt von 15 Freiwilligen, abgesehen von einem 20-Prozent-Lohn für die Geschäftsführung. Doch was Debora Alder-Gasser antreibt: Sie merkt durch die Arbeit im Laden, wie sie etwas bewirken kann: «Viele Kundinnen erzählen uns, das Kleiderteilen habe Auswirkungen auf ihr Konsumverhalten.» Andere kündigen das Abo sogar, weil sie merken, dass sie eigentlich gar nicht so viele Kleider brauchen. «Schade für unser Geschäft, aber eigentlich Mission erfüllt», sagt Debora Alder-Gasser lachend.

Für sie jedenfalls gehe die Auseinandersetzung mit dem Thema «Nachhaltigkeit in der Mode» stetig weiter – in einer Art «Kleider-Bibliothek» zu arbeiten, habe sie verändert, sagt sie.

«Ich hinterfrage meinen Konsum stark und gehe bewusster mit Besitz um. Jeden Kleiderkauf überlege ich gut und ich kaufe vor allem zeitlose Sachen.»
Debora Alder-Gasser

Noch bis Ende 2023 ist «Teil» an der Marktgasse 46 im zweiten Stock zu finden. Danach heisst es: auf zur nächsten Pop-up-Location.

Secondhand kaufen, online verkaufen

Für einen nachhaltigen Umgang mit Mode gibt es weitere Alternativen und Möglichkeiten. Am wichtigsten sind die Prämissen: «Weniger ist mehr» und «Qualität vor Quantität». Wer neue Kleider kauft, sollte sich für fair und nachhaltig produzierte Kleidung entscheiden, die zeitlos und langlebig ist. Wer seine Kleider lieber besitzen, anstatt teilen möchte, setzt auf Secondhandkleider und schont so Geldbeutel und Umwelt.

Ob Brockenstube oder Vintage-Laden mit kuratiertem Sortiment: Wer ein bisschen Zeit zum Stöbern hat, findet bestimmt etwas Passendes. Auch Kleidertauschpartys und Online-Verkaufsplattformen wie Tutti und Ricardo sind gute Möglichkeiten, den Kleiderschrank aufzufrischen und eigene «Schrankhüter» weiterzugeben.

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