Holunder
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Holunder (Sambucus nigra) ist eine der bekanntesten und ältesten Heilpflanzen; seit der Steinzeit begleitet er die Menschen, stärkt ihre Gesundheit und lindert ihre Gebrechen. Er galt als eigentliche Bauernapotheke für beinahe jeden Krankheitsfall: die Blüten stärken die Abwehrkräfte, helfen bei Grippe und Erkältungen.

Holunder: Alleskönner Heilpflanze

In einem Säckchen überbrüht und warm auf das Ohr aufgelegt, linderten sie Ohrenschmerzen. Der getrocknete Bast wirkte je nach Dosierung abführend oder löste Erbrechen aus. Die Wurzeln regten die Harnausscheidung an, sie halfen bei Harnverhalten und beim Entwässern. Die Blätter des Holunders wurden zu Salben verarbeitet und bei Wunden, Geschwüren, Prellungen und Verstauchungen, aber auch bei Gicht angewendet. Die Beeren galten als Bluttonikum, sie linderten Halsschmerzen und halfen bei Erkältungen. Holunderbeer­saft galt als bestes Mittel bei Neuralgien, Ischias­schmerzen, Gelenkschmerzen und Rheuma.

An Inhaltsstoffen finden sich in den Blüten ätherisches Öl, Cholin, Triterpene, Flavonoide, Sterole, Cholesterin, Schleim, Gerbstoffe und Mineralstoffe.

Blätter und grüne Rinde enthalten Saponin, Gerbstoff, Harz, Schleim, Cholin und wenig ätherisches Öl. Blätter, Rinde und grüne Beeren enthalten giftig wirkendes Blausäureglykosid.

Die schwarzen Beeren enthalten Vitamine A, B1, B2, C, Folsäure, organische Säuren und Anthocyane, die als Radikalfänger wirken und die Beeren zu einheimischem «Superfood» machen.

Holunder (Sambucus nigra)

Die Pflanze der Frau Holle

Doch Holunder ist weit mehr als eine Heilpflanze, er ist eine unserer magischsten Pflanzen. Er war der Baum der Erdgöttin, die wir aus dem Märchen als Frau Holle kennen. Zu ihr kamen die Seelen der Verstorbenen. War die Zeit wieder reif, schickte sie sie zurück auf die Erde, damit sie erneut inkarnierten.

«So bildete der Holunder den Durchgang zwischen unserer Welt und der Anderswelt; er ist der Baum des Lebens und des Todes, symbolisiert durch die weissen Blüten und die schwarzen Beeren.»
Ursula Glauser-Spahni

Er verbindet uns mit unseren Wurzeln und begleitet uns schützend auf dem Lebensweg.

Man sagte dem Holunder nach, dass er alles Negative an sich ziehe und in der Anderswelt verschwinden lasse. So gehörte Holunder als Schutzbaum traditionellerweise zu jedem Haus oder Stall. Wurde das Haus verlassen, verkümmerte der Baum nicht selten. Sein Schutz schloss auch die Pflanzen im Garten ein, besonders auf Heilkräuter sollte er eine günstige Wirkung ausüben. Er wurde so verehrt, dass man sogar vor ihm den Hut zog.

Bauernapotheke mit ökologischem Wert

Botanisch gehört der Holunder in die Familie der Moschuskraut­gewächse. Er wächst als Strauch oder kleiner Baum auf stickstoffreichen und kalkhaltigen Böden in Wäldern, Gärten und Hecken. Sein ökologischer Wert ist gross: mehr als 60 Vogelarten und acht Säugetierarten nutzen die Beeren als Nahrung. Die Blüten dienen zudem als Insektenweide.

Bereits als junge Pflanze sieht der Holunder uralt aus mit seiner hellgrauen, rissigen Rinde und den warzenartigen Lentizellen. Die Äste wachsen zuerst zielstrebig nach oben, senken sich aber bald bogenförmig nach unten und verleihen so dem Baum etwas Behütendes.

Die jungen Äste enthalten ein weisses, schwammiges Mark. Stösst man es heraus, erhält man ein durchgehendes Rohr, das zu einer Flöte weiterverarbeitet oder als Blasrohr verwendet werden kann. Altes Holunderholz hingegen ist dicht, hart und zäh. Wegen des geringen Stammdurchmessers wird es jedoch wenig verwendet. Für Räucherungen ist es hingegen beliebt, es soll emotionale Blockaden lösen.

Holunder wächst rasch und ist schnittverträglich. Somit passt er auch in kleine Gärten und es wäre ihm – und der Natur – eine Renaissance als Hausbaum zu gönnen. Das wäre nicht nur ein ökologischer Kontrapunkt zu den unsäglichen Steinwüsten, die jetzt viele Gärten verunzieren; sondern käme auch den Menschen zugute, die wieder auf die Bauernapotheke beim Haus zurückgreifen könnten.

Holunder bringt alles wieder in Fluss

In der Küche wird Holunder seit langem geschätzt, bereits die Steinzeitmenschen labten sich an den Beeren. Aus den Blüten lassen sich Holunderküchlein, Sirup, eine erfrischende Limonade oder ein feines Sorbet zubereiten.

«Die Beeren werden zu Gelees und Saft gekocht, die im Winter das Immunsystem stärken und erst noch gut schmecken.»
Ursula Glauser-Spahni

Auch in der Gemmotherapie setzt man auf die guten Eigenschaften des Holunders: die Zubereitung aus den Knospen wirkt wassertreibend, entzündungshemmend und schweisstreibend; sie regt zudem das Lymphsystem an.

«So wird Holunder in der Gemmotherapie bei fieberhaften Erkältungskrankheiten und bei Grippe eingesetzt.»
Ursula Glauser-Spahni

Bei Entzündungen der Nasennebenhöhlen mit zähem Schleim, Katarrhen der Luftwege mit Atembeengung und bei Stockschnupfen bringt die Essenz Erleichterung, indem sie den Schleim verflüssigt.

Das Immunsystem wird angekurbelt, die Krankheitsdauer verkürzt. Bei Harndrang mit wenig Urin und zur Harnsäureausscheidung bei Gicht hilft Holunder ebenso. Holunder weckt die Lebensgeister und bringt alles wieder in Fluss.